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Tag Archives: treitschke

Vor einer ganzen Weile einen Text gelesen aus dem Jahr 1880. Angeblich von Ludwig Börne (1786-1837) stammend, so zumindest war es im Katalog der SLUB vermerkt. Jedoch: der war 1880 gar nicht mehr am Leben. Vielleicht wollte der Urheber anonym bleiben und hat deswegen diesen Namen verwendet. Oder es gibt einen späteren gleichnamigen Börne. Oder die SLUB hat einen Fehler gemacht bei der Datenaufnahme. Oder ich habe einen Fehler gemacht bei der Quellenverzeichnung. Jedenfalls ist Zweifel angebracht ob wirklich der Börne Autor ist – sollte wirklich Heinrich von Treitschke (1834-1896) der Adressat gewesen sein.

boerne-treitschke-screenshotDer Text ist bissig und mit Intellekt verfasst. Er richtet sich an Heinrich von Treitschke – einen Antisemiten, politischen Demagogen. An einen Scharf- und Angstmacher aus dem christlichen Abendland.  Einer von der Sorte, von denen es heute wieder mehr gibt – nicht nur in der deutschen politischen Landschaft. Es ist ein Text über Empfindung und Religion, über Menschlichkeit und Toleranz. Es ist ein Appell zwischen Religionszugehörigkeit und Gläubigem zu unterscheiden. Einige Auszüge daraus:

[…] brüstet Euch nicht mit erhabenen Gesinnungen, prahlt nicht mit Tugend und Gottesfurcht, wo Euch nichts bewegt, als niedrige Habsucht und gemeine Sinneslust. Mögen die Juden hassenswürdig sein, aber Euch kommt es nicht zu, sie zu hassen.
Man hat verlernt von Euch zu fordern, daß ihr Christen seiet, aber es ist doch wahrlich zum Lachen, wenn ihr christliche Gesinnungen, die Ihr selbst nicht habt, von Juden fordert!
Zu Leuten, die wie Ihr, Professor, im Hauptquartier der Judenhasser sitzen, gedachte ich spottend zu sagen: Schlitzt, so sehr Euer Herz dabei bluten würde, einen Juden lebendig auf; überzeugt Euch, daß Lunge und Leber, Herz und Nieren, Gehirn und Magen ganz so gebildet und geordnet seien, wie bei Christen, und dann erklärt mir, wo die Anlassung der Natur wäre, die Juden nicht wie Menschen zu behandeln. Aber meine Ironie findet nichts zu spitzen, die Wahrheit ist schon spitz genug. […]

/Religiöse Duldung\ wollt Ihr gegen Juden üben und seit wann führt Ihr diese Sprache? Seitdem Euch jede Religion gleichgiltig [sic] geworden, seitdem Euch gleichgiltig [sic] geworden ist, ob der Jude einen falschen oder wahren Gott anbete, seitdem Euch nur am Herzen liegt, daß jüdischer Schacher den christlichen nicht verkümmere. Eure Vorfahren waren besser als Ihr. Sie haben die Juden und Ketzer gebraten, aber sie thaten es um Gottes willen, freilich um des Gottes willen, den sie in ihrem Wahnwitze sich erdichtet; aber so schandlos waren sie doch nicht wie Ihr, daß sie öffentlich dem heidnischen Götzen der Diebe und Kaufleute geopfert und gelehrt hätten, man müsse die Juden schlachten, damit sie den Markt nicht verderben. Es ist deutsche Art, Alles aus der Selbstsucht herzuleiten. Weil die Deutschen kein öffentliches Leben haben, wird jede öffentliche That [sic] und Rede als etwas Häusliches beurtheilt; weil sie beständig hinter dem Ofen hocken, macht ihnen das kleinste Zuglüftchen freier Berührung einen steifen Hals und jeder Wind ist ihnen ein Bösewicht; und endlich, weil sie aus Erfahrung wissen, daß bei ihren Landsleuten alles Reden nichts hilft, meinen sie, das müsse jeder verständige Mann auch wissen, und wenn er also dennoch redet, müsse er seine eigennützigen Zwecke haben. Wenn Jemand sagt, daß er die Juden nicht haßt, sondern nur das Rabbinische Judenthum [sic], mag ihm geglaubt werden. Aber warum sondert er das Rabbinisch Judenthum nicht von dem körperlichen Juden ab? Das Rabbinische Judenthum hat kein Auge, zu weinen, kein Herz, das gekränkt, kein Fleisch, das verwundet, keine Ehre, die verletzt werden kann; Ihr möget es verfolgen, so viel Ihr Luft habt. Aber der wirkliche lebende Jude hat Auge, Herz, Fleisch und Ehre, welche Menschlichkeit zu schonen gebietet.

[…] die Zeit hat Euch zur Menschlichkeit genöthigt und Ihr murrt nicht einmal mehr über den Zwang; denn Wahrheit und Recht haben so viel Reizendes, daß man ihnen nur nahe zu treten braucht, um sie lieb zu gewinnen. Glaubt ihr nicht, daß ein Tag kommen wird, der Euch befiehlt, auch die Juden als Eure Gleichberechtigten anzusehen? Aber Ihr wollt gezwungen sein. Der Deutsche ist taub, der Wagenführer der Zeit mag schreien so laut er will, daß man ihm ausweiche, er wird nicht gehört; Ihr beginnt erst zu fühlen, wenn das rollende Rad Eure Glieder schon zermalmt hat. Freiwillig folgt Ihr nicht, das Verhängnis muß Euch bei der Brust packen und Euch hier und dorthin schleppen. […]

[…]
O närrische Leute, o komische Welt!
Sie brüsten sich mit ihrer Freiheit, aber so oft sie das Schlechte gethan, machen sie sich schuldlos, und sagen, sie wären Sclaven des Schicksals. Wie oft wurde zu Diesen und Jenen gesagt: Ihr sehet euer Unrecht ein, ihr begreift eueren Irrthum. Warum macht ihr Jenes nicht gut, warum kehrt ihr nicht von Diesem zurück, warum entsaget ihr nicht euren Vorurtheilen? Sie antworteten: das wird sich mit der Zeit machen, das kömmt nach und nach. Aber warum nicht gleich? Dünkt ihr euch frei, so setzt euch nicht in den Wagen des Schicksals, um das Ziel der Reifheit zu erreichen. […] das Schicksal hat auch in anderen Welten zu thun, und wenn ihr zum Gehen zu träge seid, läßt es euch Jahrhunderte warten, bis es euch abholt. Seid ihr frei, so greifet der Zeit vor! Seid ihr es nicht, so murrt nicht! O närrische Leute, o komische Welt!
Religion ist Liebe und Versöhnung; schon im Worte liegt es: sie verbindet wieder, was getrennt war. Wären alle Menschen gleich weise, gleich begabt, mit gleichen Neigungen erfüllt, dann bedürfe es keiner Religion. Sie ist die Einheit des Mannigfaltigen, die Ewigkeit des Vergänglichen, die Schwerkraft des Unstäten; sie verzeiht die Schuld, und löst die Sünde auf in das allgemeine Licht. Aber was haben die Menschen daraus gemacht! Ein Blutstrom fließt durch achtzehn Jahrhunderte, und an seinen Ufern wohnt das Christenthum. Wie haben sie das Heiligste geschändet! Religion war eine Waffe in räuberischer und meuchelmörderischer Hand. Wie haben sie den Gott der Liebe herabgewürdigt und seine Lehre zum Gesetze ihrer Herrschsucht, zum Regulative ihres habgierigen Krämerrechts mißbraucht […].

boerne-treitschke-freiheit_fuer_alleDenkende Köpfe werden meiner Belehrung Beifall zollen, die aber, auf welche ich wirken möchte, denken nicht. Euer Haß und Eure Verachtung der Juden, das ist angeborner oder anerzogner [sic] Trieb, der nie zur Klarheit gekommen und von sich selber Rechenschaft gefordert. Diesen aufzuwecken, darum ist mir zu thun!
/Die Sache der Juden muß aus einem Gegenstande der Empfindung zu einem Gegenstande der Ueberlegung gemacht werden, und dann ist das Gute gewonnen\: denn wer über seine Träume nachzudenken vermag, der träumt nicht mehr! […] Haßt oder liebt die Juden, drückt sie nieder oder erhebt sie, erzeigt ihnen Gutes oder verfolgt sie: dies Alles sei Eurer Willkür überlassen. Aber eins sage ich Euch:
/Seht zu, wie weit Ihr kommt mit der Freiheit des deutschen Landes, so lange die Freiheit nicht sein soll für Alle!\
Gute Nacht, Professor

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