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Tag Archives: polizeizelle

dessau_oury-jalloh-polizei2014_ikl959.com(Polizeirevier in der Wolfgangstraße in Dessau in dem Oury Jalloh neun Jahre vorher verbrannte)

Am 7. Januar 2005 verbrennt in Dessau im Polizeirevier in der Wolfgangstraße Oury Jalloh.
Der Asylbewerber aus Sierra Leone ist 36 Jahre alt. Er hat den Bürgerkrieg in Afrika hinter sich gelassen um in Europa ein neues Leben zu beginnen. Doch sein Leben endet auf einer feuerfesten Matratze, an Händen und Füßen gefesselt in Dessau. Später wird ein Gutachten feststellen, dass er an einem Hitzeschock starb, weil Temperaruren um 350 Grad herrschten. Doch ob er bei Ausbruch des Feuers am 7. Januar 2005 wirklich bei Bewusstsein war wird angezweifelt. So habe es wenig Rußablagerungen in seiner Lunge gegeben, in seinem Urin sei nicht der Botenstoff Noradrenalin gefunden wurden. Dafür seien Verletzungen in seinem Gesicht gefunden worden, wie etwa ein gebrochenes Nasenbein und ein geplatztes Trommelfell. Dies brachten jedoch erst unabhängige Obduktionen zum Vorschein.

Das Gefühl etwas sollte vertuscht werden begleitete die Verhandlungen vor dem Gericht in Dessau und auch später in Magdeburg. Die anfänglichen Befürchtungen, Oury Jalloh sei Opfer von Polizeibeamten geworden, blieben auch während der Gerichtsverfahren gegen die Beamten bestehen, denen ein Dienstvergehen nachgewiesen werden sollte. Besonders schwerwiegend waren die Widersprüche welche eine Zellenkontrolle eine halbe Stunde vor Jallohs Tod betrafen. Wie Polizeibeamte aussagten, sollen die Diensthabenden Hans-Ulrich M. und Udo S. um 11.30 Uhr Jallohs Zelle aufgesucht haben. Doch mit Aussagen welche ihre Kollegen belasten stecken Polizisten in der Klemme – zwischen Loyalität und ihrem Gewissen. Im schriftlichen Dienstprotokoll ist die Kontrolle um 11.30 Uhr nicht dokumentiert. Auch Hans-Ulrich M. und Udo S. stritten die Kontrolle der Zelle um 11.30 ab. Es sind die beiden Beamten, welche Jalloh am Morgen des 7. Januar im Stadtpark in Dessau festnahmen. Wie im Nachgang festgestellt wurde erfolgte die Ingewahrsamnahme zu unrecht. Doch nicht nur das Dienstprotokoll scheint unvollständig. Auch das elektronische Journal, das alle Vorgänge auf dem Polizeirevier erfasst, wurde für den betreffenden Zeitraum gelöscht. Weshalb wurde nicht geklärt.

Von einigen Aktiven wird auch auf den Tod des Mario Bichtemann verwiesen, der 26 Monate zuvor in der selben Zelle an den Folgen einer Hirnverletzung verstarb. Beteiligt waren ebenfalls die selben Beamten wie auch im Fall Oury Jalloh.

Nach Einschätzung der Initiative im Gedenken an Oury Jalloh erfolgte die Ermittlung der Staatsanwaltschaft zu einseitig – zu unvorstellbar erschien und erscheint dieser wohl die Vorstellung Polizeibeamte hätten die Vorgänge nicht nur fahrlässig gehandhabt sondern den Tod etwa auch geduldet oder verschuldet. Dabei belegt ein Gutachten, welches Ende 2013 veröffentlicht wurde, dass die Brandresultate (stark verkohlte Leiche, dicke Rußablagerungen auf den gekachelten Fliesen der Zelle) nur auf den Einsatz von Brandbeschleunigungsmaterial (etwa fünf Liter Benzin) zurückzuführen sind.

Erstmalig wurde am 7. Januar 2014 durch Nazis versucht das Gedenken am Vormittag an der Polizeiwache zu stören – vergeblich. Am Nachmittag versammelten sich dann etwa 600 Menschen und zogen vom Bahnhof vorbei an der Staatsanwaltschaft, dem Amtsgericht zum Polizeirevier in der Wolfgangstraße. (src)

Zu ergänzen wäre vielleicht noch: auch Menschen aus Frankfurt und Lampedusa-Aktivisten aus Hamburg waren beim Erinnern an die Ungeheuerlichkeit in Dessau dabei. Hier einen Report anhören (download) (61 Min):

Die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh e. V. stellte jüngst auf einer Pressekonferenz ein neues Brandgutachten vor. Es ist als ein erneuter Versuch zu sehen, das Verfahren über den in einer Polizeizelle verbrannten Menschen ernsthafter ins Rollen zu bringen. Zu groß ist der Zweifel an der offiziell verlautbarten Version, zu groß die Zufälle (siehe/lies den Post über einen weiteren toten Menschen – Mario Bichtemann – im Polizeirevier in Dessau in der selben Zelle mit den selben beteiligten Beamten etwa ein Jahr zuvor!).

Laut den Unterstützer*innen zeigt das im Auftrag der Initiative in Großbritannien erstellte Gutachten, dass die Behauptung nicht haltbar sei, Jalloh habe sich im Januar 2005 in seiner Zelle selbst angezündet – mit gefesselten Händen auf einer feuerfesten Matratze.

yt_jalloh_inititative-neue_beweise_2013(hier ansehen)

Der Tod Oury Jalloh’s und die darauf folgende juristische Bearbeitung bleibt ein Skandal – sowohl wegen seiner anfänglichen Voreingenommenheit der Ermittlungsbehörden als auch der Prozessabläufe, welche die Rechtsstaatlichkeit soweit hinter liefen, dass 2009 ein Richter in Dessau wegen der widersprüchlichen und falschen Aussagen der Beamten ein Urteil ablehnte (siehe MZ 2011). Es ist zu hoffen, dass die jetzt von der Initiative vorgelegten Beweise und das Gutachten ergebnisoffen in die kommenden Untersuchungen/Verhandlungen einbezogen werden.

Verbrannt in Polizeizelle Nummer fünf “ oder auch „Oury Jalloh – das war Mord“ sind zwei Sätze welche mir im Zusammenhang mit den Ereignissen um einen in einer ostdeutschen Polizeizelle verbrannten Asylbewerber einfallen. Es ist der zunächst undenkbare Moment (dass ein in Polizeigewahrsam gefesselter Mensch tatsächlich von Beamten zunächst misshandelt und dann mit brennbarer Flüssigkeit übergossen und angezündet wird) der sich jedoch immer als der wirkliche Grund heraus zu stellen scheint. Der Prozess welcher Aufklärung bringen sollte ist eine Farce – die befragten Beamten haben vergessen und schweigen. Ein sehenswerter Film welcher die Ereignisse und Widersprüche nochmal gut zusammen fasst stammt aus dem Jahr 2010 von Sonja Seymour Mikich (45 Min). Watch it!