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Tag Archives: deutschland

Im folgenden ein Post, der bereits im November 2012 geschrieben wurde, aber nie den Weg zum publizieren fand.

 

Vor drei Tagen gab es mal wieder einen „Brennpunkt Nahost“ in der ARD.

In der Darstellung eine Analogie der Folie welche den Zuschauer seit Jahren umgibt: zwei Parteien mit den jeweiligen Rollen-Zuschreibungen, ein immer wieder betontes Leid auf beiden Seiten, usw. usv. Interessantester Moment blieb der Blick auf die gesamte Region:Es ist durchaus vorstellbar, dass in nicht allzuferner Zukunft in allen Nachbarstaaten Israels Muslimbrüder an Schaltstellen der Macht sitzen werden, wie heute schon in Ägypten.  (src, Min. 8)

Und in der Tat lohnt es sich den Blick von den scheinbar amalgamiert Prozessen zwischen den Israelis und Palästinensern zu lösen. Doch dies passiert viel zu selten. Dabei sind die Bürgerkriegssituationen um Israel herum interessant, gerade bezüglich der politischen (In)-Stabilität die sich daraus entwickeln könnte/wird, bzw. schon entwickelt hat.

Die Illusion, dass es im Nahen Osten keinen wichtigeren Konflikt gebe als den zwischen Israel und den Palästinensern, soll nicht gestört werden. (src)

ist in einem eher hämischen Seitenhieb gegen die öffentlich-rechtlichen Anstalten auf dem Blog LizasWelt zu lesen (Abschnitte I und II durchaus lesenswert). Die Situation in Syrien (und dadurch auch Libanon), oder Ägypten ist zwar eine andere als aus dem Gaza abgeschossenen Raketen und die Kampfeinsätze der israelischen Luftwaffe im Gaza, aber werden auch diese in Folge die Stabilität und Kriegsgefahr für die gesamte Region mitbestimmen. Es scheint sich zu Bewahrheiten was Skeptiker der ägyptischen Revolution bereits vor einer Weile besorgte: die gemäßigten Unterliegen den Radikalen. Auch wenn Hamid Abdel-Samad sich positiv auf die Rolle der Muslimbrüder Ägyptens bezieht:

Mursi macht einen guten Job wie ich finde, er versucht nicht nur zu vermitteln, sondern versucht auch Gaza aus den Armen von Iran zu lösen und den Palästinensern eine politische und wirtschaftliche Perspektive innerhalb der arabischen Welt anzubieten, das macht er mit dem Emir von Qatar. […]Ich sehe die Probleme im Nahen Osten wachsen schneller als die Kapazitäten diese Probleme zu lösen. Beide Seiten müssen endlich begreifen, dass nicht noch einmal paar Raketen aus dem Iran Israel aus der Ruhe bringen, aber auch dass Bodenoffensiven und Bombardierung von Gaza keine Lösung sein kann. (Min. 10:45)

„Nicht noch einmal paar Raketen aus dem Iran Israel aus der Ruhe bringen?“ Die Verkürzung der Zusammenhänge, bedingt durch die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Zuschauer gebirt zuweilen seltsame Stilblüten. Welch einen langen Einblick bietet da der footage-like wirkende Blick hinter die Kulissen und in den Alltag des ARD-Korrespondeten Richard Schneider (dort auch Herr Gottlieb -s.o.- zu hören 3:15 Min.). Ermöglicht ein wenig Aufklärung über Arbeitsweise, Selbstverständnis und Selbstdarstellung des vor Ort weilenden Fernseh-Journalisten. Sehenswerter (weil Kommentarlos und damit nahezu Nachrichtenlos) trotz dessen dieses hier:

Lautete der obige Text vom 24. November 2012.

Vor kurzem (Ende Juni 2017) machte eine Dokumentation Furore, welche sich des Themas Antisemitismus annahm: „Auserwählt und Ausgegrenzt. Der Hass auf Juden in Europa.“ Öffentlich-rechtliche Medien sahen keine Notwendigkeit bzw. einen gravierenden Qualitätsmangel und entschieden sich gegen eine Veröffentlichung. Der Verdacht, dass es eher am Thema lag und die Begründung mit dem journalistischen Handwerkszeug vorgeschoben war, lässt sich im Vergleich zu anderen dokumentarischen Filmen des öffentlich-rechtlichen nicht ganz leugnen. Dass das Thema ein Globales ist, belegt die BDS-Bewegung gegen den jüdischen Staat, was auch in der Dokumentation zum Thema wird:Die Bild-Zeitungs-Redaktion nutzte den Moment um sich als Frontmedium zu inszenieren und zeigte den Film kurzerhand 24h im Internet – mit der Ansage, dass die Antisemitismus-Dokumentation vermutlich deshalb nicht gezeigt werde, „weil sie ein antisemtisches Weltbild in weiten Teilen der Gesellschaft belegt, das erschütternd ist.“

Dann geht es der Bild-Redaktion um „historische Verantwortung“ und „entschiedenes Entgegentreten“ – doch dafür „müssten wir alle wissen, womit wir es zu tun haben.“ Als würde die Dokumentation in Gänze offenbaren, welche Auswüchse der Judenhass hatte und angenommen hat.

Die Dokumentation bleibt ein oberflächlicher Einblick, nur die Spitze des Eisberges wird gezeigt. Es ist ein sehr lebendiger und sich transformierender Hass – allzuoft angetrieben von Falschmeldungen und Lügen, wie ein Besuch in Gaza-Stadt zeigt.

Es ist notwendig und richtig, die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen – von beiden Seiten. Das passiert im Film auch. Statt nun Energie in die Kritik an der Dokumentation zu stecken (wie im bei ARD/WDR geschehen, als die Doku mit vielen Anmerkungen versehen doch ausgestrahlt wurde, siehe etwa Artikel „Betreutes Fernsehen“), sollten die darin präsentierten Fakten zur Kenntnis genommen werden. Zum Beispiel die geschichtlichen Fakten und Pläne der UNO nach 1945 – den Teilungsplan für einen Staat Israel (blau) und den zu gründenden Staat Palästina (rot) der aus dem vorherigen Verwaltungsgebiet Palästina entstehen sollte:Der Film hat einige Längen hat, etwa das Gespräch mit der lebenden Legende Rafi Eitan. Sehr treffend indes die Äußerungen von Eugene Kontorovich:

„Wenn eine Menschenrechtsorganisation nach Rabat gehen würde und dort in einer ‚König-Mohammad-der-X.-Universität‘ ihre Erkenntnisse über die marokkanischen Menschenrechtsverletzungen in der Sahara präsentieren würde, wäre das ihre letzte Reise nach Marokko. Sollten sie überhaupt nach Europa zurückkehren.

In Israel, einem offenen und liberalen Land, gibt es Uneinigkeit, Widerspruch und ein Mehrparteiensystem. Naja, eine Zuviele-Parteien-Demokratie. Wenn Du hier her kommst und Israel kritisierst, wirst Du nicht in einem Sarg nach Hause geschickt, sondern mit einer Medaille. Das ist einfach. Gehen Sie doch mal nach Ankara und versuchen Sie dort über die Situation der Kurden zu sprechen – das wird nicht gut ausgehen.

Ironischerweise liegt das an der liberalen Gesellschaft, die sich in einem selbstkritischen Prozess befindet und in der Lage ist sich selbst zu reformieren. Dies ist einer der Gründe, warum Israel am meisten abbekommt, obwohl es das am wenigsten braucht. Aber was auch immer die Gründe sind, der Effekt ist ein beispielloser und einzigartiger Standard nur für den jüdischen Staat. Und das ist praktisch antisemitisch. Das bedeutet nicht, dass die Motive der Menschen die dies tun antisemitisch sind, oder dass es irgendjemand bewusst wäre schlecht über Juden zu denken. Aber die Tatsache, dass genau der Staat wo der Mehrheit der Juden lebt, für die Sonderbehandlung von Europäern auserkoren wurde, ist außerordentlich bemerkenswert.“

Das Film-Dokument ein sehenswerter Einblick in die politische und ökonomische Bewegungsvielfalt, die sich nicht nur in Europa gegen den Staat Israel heute findet. Auserwählt und Ausgegrenzt. Der Hass auf Juden in Europa (90 Min. 2017, von Joachim Schroeder und Sophie Hafner)

 

Vor einer ganzen Weile einen Text gelesen aus dem Jahr 1880. Angeblich von Ludwig Börne (1786-1837) stammend, so zumindest war es im Katalog der SLUB vermerkt. Jedoch: der war 1880 gar nicht mehr am Leben. Vielleicht wollte der Urheber anonym bleiben und hat deswegen diesen Namen verwendet. Oder es gibt einen späteren gleichnamigen Börne. Oder die SLUB hat einen Fehler gemacht bei der Datenaufnahme. Oder ich habe einen Fehler gemacht bei der Quellenverzeichnung. Jedenfalls ist Zweifel angebracht ob wirklich der Börne Autor ist – sollte wirklich Heinrich von Treitschke (1834-1896) der Adressat gewesen sein.

boerne-treitschke-screenshotDer Text ist bissig und mit Intellekt verfasst. Er richtet sich an Heinrich von Treitschke – einen Antisemiten, politischen Demagogen. An einen Scharf- und Angstmacher aus dem christlichen Abendland.  Einer von der Sorte, von denen es heute wieder mehr gibt – nicht nur in der deutschen politischen Landschaft. Es ist ein Text über Empfindung und Religion, über Menschlichkeit und Toleranz. Es ist ein Appell zwischen Religionszugehörigkeit und Gläubigem zu unterscheiden. Einige Auszüge daraus:

[…] brüstet Euch nicht mit erhabenen Gesinnungen, prahlt nicht mit Tugend und Gottesfurcht, wo Euch nichts bewegt, als niedrige Habsucht und gemeine Sinneslust. Mögen die Juden hassenswürdig sein, aber Euch kommt es nicht zu, sie zu hassen.
Man hat verlernt von Euch zu fordern, daß ihr Christen seiet, aber es ist doch wahrlich zum Lachen, wenn ihr christliche Gesinnungen, die Ihr selbst nicht habt, von Juden fordert!
Zu Leuten, die wie Ihr, Professor, im Hauptquartier der Judenhasser sitzen, gedachte ich spottend zu sagen: Schlitzt, so sehr Euer Herz dabei bluten würde, einen Juden lebendig auf; überzeugt Euch, daß Lunge und Leber, Herz und Nieren, Gehirn und Magen ganz so gebildet und geordnet seien, wie bei Christen, und dann erklärt mir, wo die Anlassung der Natur wäre, die Juden nicht wie Menschen zu behandeln. Aber meine Ironie findet nichts zu spitzen, die Wahrheit ist schon spitz genug. […]

/Religiöse Duldung\ wollt Ihr gegen Juden üben und seit wann führt Ihr diese Sprache? Seitdem Euch jede Religion gleichgiltig [sic] geworden, seitdem Euch gleichgiltig [sic] geworden ist, ob der Jude einen falschen oder wahren Gott anbete, seitdem Euch nur am Herzen liegt, daß jüdischer Schacher den christlichen nicht verkümmere. Eure Vorfahren waren besser als Ihr. Sie haben die Juden und Ketzer gebraten, aber sie thaten es um Gottes willen, freilich um des Gottes willen, den sie in ihrem Wahnwitze sich erdichtet; aber so schandlos waren sie doch nicht wie Ihr, daß sie öffentlich dem heidnischen Götzen der Diebe und Kaufleute geopfert und gelehrt hätten, man müsse die Juden schlachten, damit sie den Markt nicht verderben. Es ist deutsche Art, Alles aus der Selbstsucht herzuleiten. Weil die Deutschen kein öffentliches Leben haben, wird jede öffentliche That [sic] und Rede als etwas Häusliches beurtheilt; weil sie beständig hinter dem Ofen hocken, macht ihnen das kleinste Zuglüftchen freier Berührung einen steifen Hals und jeder Wind ist ihnen ein Bösewicht; und endlich, weil sie aus Erfahrung wissen, daß bei ihren Landsleuten alles Reden nichts hilft, meinen sie, das müsse jeder verständige Mann auch wissen, und wenn er also dennoch redet, müsse er seine eigennützigen Zwecke haben. Wenn Jemand sagt, daß er die Juden nicht haßt, sondern nur das Rabbinische Judenthum [sic], mag ihm geglaubt werden. Aber warum sondert er das Rabbinisch Judenthum nicht von dem körperlichen Juden ab? Das Rabbinische Judenthum hat kein Auge, zu weinen, kein Herz, das gekränkt, kein Fleisch, das verwundet, keine Ehre, die verletzt werden kann; Ihr möget es verfolgen, so viel Ihr Luft habt. Aber der wirkliche lebende Jude hat Auge, Herz, Fleisch und Ehre, welche Menschlichkeit zu schonen gebietet.

[…] die Zeit hat Euch zur Menschlichkeit genöthigt und Ihr murrt nicht einmal mehr über den Zwang; denn Wahrheit und Recht haben so viel Reizendes, daß man ihnen nur nahe zu treten braucht, um sie lieb zu gewinnen. Glaubt ihr nicht, daß ein Tag kommen wird, der Euch befiehlt, auch die Juden als Eure Gleichberechtigten anzusehen? Aber Ihr wollt gezwungen sein. Der Deutsche ist taub, der Wagenführer der Zeit mag schreien so laut er will, daß man ihm ausweiche, er wird nicht gehört; Ihr beginnt erst zu fühlen, wenn das rollende Rad Eure Glieder schon zermalmt hat. Freiwillig folgt Ihr nicht, das Verhängnis muß Euch bei der Brust packen und Euch hier und dorthin schleppen. […]

[…]
O närrische Leute, o komische Welt!
Sie brüsten sich mit ihrer Freiheit, aber so oft sie das Schlechte gethan, machen sie sich schuldlos, und sagen, sie wären Sclaven des Schicksals. Wie oft wurde zu Diesen und Jenen gesagt: Ihr sehet euer Unrecht ein, ihr begreift eueren Irrthum. Warum macht ihr Jenes nicht gut, warum kehrt ihr nicht von Diesem zurück, warum entsaget ihr nicht euren Vorurtheilen? Sie antworteten: das wird sich mit der Zeit machen, das kömmt nach und nach. Aber warum nicht gleich? Dünkt ihr euch frei, so setzt euch nicht in den Wagen des Schicksals, um das Ziel der Reifheit zu erreichen. […] das Schicksal hat auch in anderen Welten zu thun, und wenn ihr zum Gehen zu träge seid, läßt es euch Jahrhunderte warten, bis es euch abholt. Seid ihr frei, so greifet der Zeit vor! Seid ihr es nicht, so murrt nicht! O närrische Leute, o komische Welt!
Religion ist Liebe und Versöhnung; schon im Worte liegt es: sie verbindet wieder, was getrennt war. Wären alle Menschen gleich weise, gleich begabt, mit gleichen Neigungen erfüllt, dann bedürfe es keiner Religion. Sie ist die Einheit des Mannigfaltigen, die Ewigkeit des Vergänglichen, die Schwerkraft des Unstäten; sie verzeiht die Schuld, und löst die Sünde auf in das allgemeine Licht. Aber was haben die Menschen daraus gemacht! Ein Blutstrom fließt durch achtzehn Jahrhunderte, und an seinen Ufern wohnt das Christenthum. Wie haben sie das Heiligste geschändet! Religion war eine Waffe in räuberischer und meuchelmörderischer Hand. Wie haben sie den Gott der Liebe herabgewürdigt und seine Lehre zum Gesetze ihrer Herrschsucht, zum Regulative ihres habgierigen Krämerrechts mißbraucht […].

boerne-treitschke-freiheit_fuer_alleDenkende Köpfe werden meiner Belehrung Beifall zollen, die aber, auf welche ich wirken möchte, denken nicht. Euer Haß und Eure Verachtung der Juden, das ist angeborner oder anerzogner [sic] Trieb, der nie zur Klarheit gekommen und von sich selber Rechenschaft gefordert. Diesen aufzuwecken, darum ist mir zu thun!
/Die Sache der Juden muß aus einem Gegenstande der Empfindung zu einem Gegenstande der Ueberlegung gemacht werden, und dann ist das Gute gewonnen\: denn wer über seine Träume nachzudenken vermag, der träumt nicht mehr! […] Haßt oder liebt die Juden, drückt sie nieder oder erhebt sie, erzeigt ihnen Gutes oder verfolgt sie: dies Alles sei Eurer Willkür überlassen. Aber eins sage ich Euch:
/Seht zu, wie weit Ihr kommt mit der Freiheit des deutschen Landes, so lange die Freiheit nicht sein soll für Alle!\
Gute Nacht, Professor

Wer über deutsche Gemütlichkeit und Kultur etwas lernen möchte kommt um Spielmannszüge mit Gleichschritt und Büchsenknallen, mit Uniform, Blasmusik und Trommelwirbel nicht herum. Zu sehen sind in einem Bericht (auf yt) über das Schützenfest auf der Blanke im Jahr 2011 nicht nur deutsche marschlastige volksfestliche Bräuche und kaffegetunktes Beisammensein:

schuetzenfest-blanke-yt_

Bei dem Spielmannszug (wkpd) handelt es sich um eine alte Tradition, die sich bis heute erhalten hat. Die trommelnde, pfeifende und schießende Gemeinschaft hat in diversen historischen Umständen gewirkt und tut dies noch heute. Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Tradition der im Gleichschritt durch die Straßen musizierenden(?) Formation in Deutschland am weitesten verbreitet – mancherorts als wichtiges Kulturgut geachtet und zur Schau gestellt. Und auch heute noch offen als Phänomen für Interessierte, Zuwanderer und Gäste? Zur Situation in Nordhorn zum Thema Flüchtlinge war bereits Ende 2014 hier etwas über die angespannte Lage zu lesen.

schuetzenfest-blanke-yt2_(screenshot von yt – Bericht Nordhorn TV aus dem Jahr 2011, 14 Min.)

Wilhelm von Sternburg begab sich 1991, im Jahr der erfolgreichen – weil staatlich nicht unterbundenen – Menschenhetze im frisch vereinten Deutschland, nach Hoyerswerda.

Es wird der ostdeutsche Mensch, dessen Denken und Handeln  gezeigt – die Folgen von 50 Jahren sozialistischer Diktatur und einer irgendwie verankerte Abneigung  gegen die offensichtlich Anderseienden?  Oder im nationalen Überschwang, wie übrigens auch einige Deutsche im Westen der Republik?

Die im Film immer wieder auftauchende Frage nach dem „Versagen des Rechtstaats“ gleicht einer Chimäre: es gilt den sozialen Ausnahmezustand mit Erklärungen und Fragen, aber auch Anklage und Moralität politisch einzuordnen (langweilig die Phasen mit Stoiber und co). So unangenehm offensichtlich wie die Stimmung auf dem Markt in Hoyerswerda 1991 war, der Film gibt eine Vorstellung von den Abgründen der postreunited german society…

„Ausländerjagd. Rassismus im neuen Deutschland?“ – ARD im Brennpunkt, September 1991, 50 Min

Veiel: „Ich wollte Marco und Marcel Schönfeld aus dem Monsterkäfig holen, ihnen eine Biographie geben. Man muss sich die Täter als Menschen vorstellen. Das ist die eigentliche Provokation. […] Ich wollte die Ereignisse nicht eins zu eins abbilden, ich wollte eine Distanz schaffen, die über die Medien Theater und Film funktioniert. Ich wollte keinen Glatzköpfigen, der etwas in die Kamera stammelt – und dem niemand zuhört. Mit den Schauspielern unterlaufe ich den inneren Widerstand des Zuschauers. „ (src)

Auf dem Bild der alte Schweinestall in Potzlow, dem Ort wo Marinus im Sommer 2002 in einen Schweinetrog biß und Marcel von hinten auf seinen Kopf trat.

Danach warfen die Brüder noch zweimal einen Stein auf den noch atmenden Jungen und versenkten den später leblosen Körper in der Jauchegrube des Stalls. (src)

Provoziert fühlten sich die national-denkenden jungen Ostdeutschen u.a. „Weil er Jude sagte“

Heiko (Freund der Täterbrüder Marco und Marcel):

„Juden gehören ja zu jedem Land. Jedes Land hat ja seine Juden. Deutsche sind das nicht. Das war ja nicht dem Hitler seine eigene Idee die ganzen Juden umzubringen, das war ja der Himmler, der hat das ja organisiert. Der Hitler hat ja gar nicht groß gewusst davon. Und wenn dann so einer Anfängt, dann kann man ja mitmachen, oder?

Ich hab meinen eigenen Kopf. Klar trage ich mein Fred-Perry-T-Hemd mit 88, ist ja wohl was anderes was man im Kopf hat oder was man auf dem Leib trägt. Heil Hitler – da denkt man an die Zeit des Reiches. Das man deutsch denkt, dass man dazu steht dass man deutsch denkt. Deutsch denken. An die Zukunft denken. Für die Familie da sein. Arbeiten.

Ein sehr ungeschönter und direkt wirkender Einblick in die rechte-ostdeutsche-Jugendkultur der mit zunehmender Dauer anstrengend wirkt. Über 80 Minuten nehmen zwei Schauspieler verschiedene Rollen ein, rekonstruieren die Abläufe, offenbaren Ideologie und Motivation. Irgendwann (so etwa nach einer Stunde) wird der Wechsel jedoch ermüdend. Nichts desto trotz ein sehenswerter Film, der einen Blick in einen deutschen Abgrund wirft, in welchem die Akteure neue Gräben ziehen. Als Grundlage dienten 1500 Seiten Gesprächsprotokolle.

Andreas Veiel: Der Kick (2006), 82 Min. (imdb, critic.de)

update:

Da sprach ein Bürgermeister davon, so etwas komme in der Großstadt jede Woche vor. […] in Potzlow regt sich niemand auf, wenn der Mann von der Feuerwehr in kurzer Hose und mit SS-Runen auf der Wade herummarschiert. (src)