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Tag Archives: big data

Sendung damals gehört und für verbreitenswert erachtet: DLF Essay und Diskurs von Anfang Oktober 2017, worin es u.a. heißt:

Geheimisse zu haben, ist eine Form der Selbstermächtigung. Geheimnisse, die wir verschweigen, aufheben für den Biografen, den wir nicht haben werden, vielleicht noch für Gespräche mit unseren Kindern, wenn die erwachsen sind und also auch schon Fehler gemacht haben, die nicht mehr reparabel sind, wenn die uns beichten, was schiefgegangen ist und wir sie trösten:

So etwas passiert nicht nur dir, es passiert nicht, weil du dumm bist, nein, auch ich habe falschen Freunden vertraut, habe Ratschläge ungeprüft übernommen, ich habe auch Glück gehabt. Und all das nenne ich – Karriere.

Wir bestimmen, wie das Bild von uns auszusehen habe. Nach bestem Wissen, Gewissen und – Verschweigen. Noch sind wir die Herren unserer Biografie. Aber wie lange wird das noch so sein? Was, wenn Personalchefs die Facebook‑Timeline einsehen wollen? In der das Schlechte auch zu sehen ist? Können wir da Nein sagen? Wir haben, viele haben, ihr Archiv, ihr Tagebuch, ihren Kalender nach draußen gegeben. Der liegt jetzt da. Unredigierbar, unlöschbar. Wir können uns zwar abmelden, aber Facebook behält sich vor, die Datensätze trotzdem zu speichern. Wie die allermeisten Internet-Firmen.

Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts. Daten sind die Ölpest des 21. Jahrhunderts.

listen and think about it:

or download

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Auf dem #33C3 gab es ne Menge Vorträge. Viele sind online zu finden. Doch ein lecture, welches mich interessierte, lieferte in der Suche auf der offiziellen Site der CCC-Kongresse leider kein Ergebnis:

ss_ccc-serach-faception-nothing-foundAufmerksam auf das Topic wurde ich über einen Tweet von Caroline Sinders:

ss_ccc-faception-tweet_33c3-c-sindersDie ersten Reaktionen auf den Tweet entsprachen auch meinen spontanen Gedanken: geht’s noch? Anhand des Aussehen eines Menschen auf dessen Intelligenz, sexuelle Neigung oder kriminelle Vorlieben zu schließen? Was wurde auf dem 33C3 eigentlich verhandelt – bot man mehr als einen Draufblick auf die Öffentlichkeitsarbeits-Gesichtsoberfläche – oder was wurde da außer PR-Krams eigentlich präsentiert oder gar noch diskutiert?

Der Markt zum Thema face-ial-profiling ist seit Jahren florierend. Das Unternehmen mit Namen Faception (auf wired gab’s auch schon nen Artikel) hat nach eigenen Angaben 15 oder 20 oder wieviele Cluster auch immer gebildet, welchen die analysierten Gesichter zugeordnet werden. Einige davon stellt die Firma online vor: von „High-IQ„, „Academic Researcher„, „Professional Poker Player„, „Bingo Player„, „Brand Promoter„, „White Collar Offender“ und „Terrorist“ bis hin zu „Pedophile„.

faception-face-classifications_by-ikl959-com(src)

Ursache dieser Klassen: die DNA. Denn die bilde im Gesicht ab was das Hirn denkt und will und schließlich auch getan wird – anders lässt sich die Begründung, welche etwa Shai Gilboas (CEO) verlautbart, nicht verstehen. Wer sich jetzt hundert Jahre zurückversetzt fühlt liegt vermutlich nicht ganz falsch – damals gab es Maßband und Klemme um Schädel zu vermessen, heute machen das Sensoren – genauer, schneller und unbemerkter. Die Absicht hinter der Physiognomieanalyse ist die gleiche wie ehedem.

Ein Presskit der Company Faception versammelt mehr als ein dutzend Berichte aus diversen Zeitungen und online Medien und zeigt den weltweiten Einschlag des Themas und enthält auch kritische Bemerkungen dazu. N-TV hat das Topic auch schon gefunden:

mobil-n-tv-deslmediathekslsendungenslstart_up_newsslzu-besuch-im-gruender-wunder-tel-aviv-article18292991-html(src)

Dass es sich dabei um kein neues Phänomen handelt wird beim Blick auf das seit etwa zehn Jahren in den USA laufende „FAST“ – Future_Attribute_Screening_Technology deutlich. Auch in anderen Ländern wird an automatisierter Gesichtsverarbeitung gearbeitet.

China too has tinkered with “pre-crime” to identify terrorists; China being China, one has to wonder if dissident is synonymous with terrorist. Its “Citizen Score” is already an Orwellian nightmare. (src, Darlene Storm, May 2016)

Es ist offenbar: viele Staaten und Unternehmen arbeiten mit dem Thema Gesichtserkennung und facial-profiling. Es ist das Bedürfnis nach mehr Sicherheit in Zeiten von Terror – oder potentieller Gefahr. Schließlich bietet der Ausbau der Überwachung doch auch scheinbar regulative Möglichkeiten, ein Instrument der Prävention. Die Sicherheit ist und bleibt ein originäres Aufgabenfeld der staatlichen Ordnung – jede dahingehende Maßnahme ist jedoch nicht immer mit den Rechten seiner Bürger vereinbar.

„Certainly advancement in technologies that enable to monitor an individual and actually to assess certain traits or certain attributes about individuals in the open space opens surveillance and monitoring capabilities which kind of like put in risk private freedoms that we used to enjoy, like the freedom of privacy, like the freedom of communication that we used to enjoy and now the technoligy certainly changes the balance.“ (Nimrod Kozlovski, Security Expert on reuters.com)

Also: hier gerät etwas aus dem Gleichgewicht. Die Albernheit des Rassismus soll mit diesen Methoden angeblich nicht Anwendung finden – soll doch die Hautfarbe bei der Analyse des Gesichts ignoriert werden. Vernachlässigt wird jedoch die Möglichkeit der plastischen Chirurgie. Und die persönliche Freiheit – ungerastert und unanalysiert. Und die Möglichkeit, dass nicht alles in DNA eingeschrieben ist und zwangsweise sichtbar auf der (Gesichts-)Oberfläche liegt.