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Gedanken und Eindrücke von einer Veranstaltung im Conne Island in Leipzig vom 25.10.2016 zum Thema „Die Realität ist grau. Deutsche Linke zwischen ‚Israelsolidarität‘ und BDS“

Behäbig ging sich die Veranstaltung an. Obwohl die No-Tears-For-Krauts mit einem verteilten Flugblatt (in welchem Aussagen von Hannes Bode, dem Referenten des heutigen Abends, dessen distanzierte Haltung zum Thema Israel-Solidarität betonen sollten und auch die vormals im Conne Island existierende, heute immer schwacher postulierte Freundschaft mit dem Staat Israel kritisierten) für einen diskursiven Abend zu sorgen schien. Schließlich ging es irgendwann los. Der Podiumsleiter begann mit einleitenden Worten zum Thema Israel, Antisemitismus und Conne Island. Er wies etwa auf den Umstand hin, dass Anfang der 2000er Jahre im selbst verwalteten Laden eine Diskussion stattfand, in welcher die Abgabe sogenannter Pali-Tücher an der Garderobe zum Konsens wurde. Er erwähnte auch, das zukünftig vermutlich öfter Musiker und andere Künstler die Bühne des Island betreten werden, welche sich positiv zu BDS (Boykott, Divestment und  Sanktionen) gegen Israel bekennen. Die Entscheidungen von damals und auch die über lange Jahre im Conne Island mehr oder minder streng gelebte Praxis trugen zum politischen Mythos des Anti-Deutschen und Israel-Solidarischen Party-Ladens im Leipziger Süden bei. Wobei die Diskussionen vor einigen Jahren gefühlt mehr Diskursivität besaßen, wirklich inhaltlichen Debatten glichen in denen auch das Publikum untereinander disputierte. Aber das lag vielleicht auch an der stolz geschwellten breiten Brust des Ortes, der überregionale Ausstrahlungskraft erlangte.

An diesem Abend beschlich mich irgendwann das Gefühl, der Referent verstecke sich hinter Zitaten und Ereignissen in der Geschichte, um sich bloss nicht selbst dazu verhalten zu müssen. Stellvertretend sprachen die Quotes, etwa ein zweifach verlesenes von Martin Dornis zum Thema Kommunismus und bedingungsloser Israelsolidarität – so als würde das an den leeren und bescheuerten Aussagen aus der Besinnungslosigkeit an der Leere dieser Solidarität etwas ändern, denn: „Solidarität muss praktisch werden“.

Es ging in dem knapp zweistündigen Referat vornehmlich historisch zu: von der Idee und Genese der modernen Nationalstaaten – mit Zitaten von im historischen Kanon als Referenzpunkte anerkannten Historikern – über Ausführungen zu „unausweichlich blutig verlaufenden Nationalstaatsgründungen“, wie etwa der Balkan oder die Türkei und deren Umgang mit Griechen/Armeniern beweisen, hin zu der Theorie von Antisemitismus als gesellschaftliches Phänomen – mit weiteren Zitaten von Clausen, Poistone und auch Adorno. Nach mehr als einer Stunde frug offenbar nicht nur ich mich, ob das eigentlich angekündigte Thema:

Der Vortrag gleicht verschiedene Positionen mit diesen komplexen und widersprüchlichen Realitäten ab, kritisiert die antiisraelische „Boycott, Divestment, Sanctions“-Kampagne und den Antisemitismus von Teilen der „Palästinasolidarität“, diskutiert die Berechtigung von Kampagnen gegen die militärische Besatzung der Westbank und fragt nach den Bedingungen und Konsequenzen der – zuallererst in Deutschland unhintergehbaren – Solidarität mit Israel. (src)

noch zum Gegenstand kommen würde – Boykottbewegung gegen und Solidaritätsbewegung für Israel innerhalb der politisch Linken (wobei der Referent auf die gesetzten Anführungszeichen hinwies, welche bei ihm das Wort Israelsolidarität markieren würden).

Um es vorweg zu nehmen: die Ermunterungen des Referenten an den tagespolitischen Ereignissen und Personen in Israel Kritik zu üben hat das Schwergewicht auf seiner postulierten „grauen“ Waage zwischen Anti, Neutral und Pro eindeutig in eine Richtung bewegt. Während seine historischen Schilderungen bezüglich des Verhaltens der nichtjüdischen Nachbarstaaten so gut wie keine Rolle spielten (in etwa: von den britischen Besatzern und den ersten Immigranten aus Russland, welche zu beweisen versuchten nicht nur mit Geld gut umgehen zu können – die Notwendigkeit der landwirtschaftlichen Arbeit für das Überleben der Pioniere wurde nicht erwähnt – ging es zur Deklaration von Belfour und einer ähnlichen Verlautbarung der Deutsch-Osmanischen Gegenspieler, welche als Versprechen aufgrund eines mutmaßlich jüdischen Einfluss im Weltenspiel abgegeben wurden – hinüber ins Jahr 1948, ab welchem das palästinensische Volk nach den Briten nahtlos nun den staatlich organisierten jüdischen Besetzern unterstand). Es wurde vielmehr darauf hingewiesen, dass sich mit der jüdischen Staatsgründung ein palästinensischer Staat erledigt hätte – bis heute und zukünftig. Palästinensischer und Zionistischer Staat wären komplementär. Zwischen drin fiel auch mal der (revisionistisch?) konnotierte Aspekt der Grenzen von 1967.

Kein Wort davon, dass die politische Führung der ansässigen und auswärtigen arabische Bevölkerung 1948 sehr wohl einen kleinen eigenen arabischen Staat neben einem kleinen jüdischen im Territorium Palästina hätten gründen können, dies jedoch ablehnten. Mit einem Krieg gegen den jüdischen Staat diesen zum Verschwinden bringen wollten. Dies bis heute bei einigen Akteuren offiziell als Ziel auf der Agenda verzeichnet steht.

Ein weiterer vom Referenten vernachlässigter – weil zu offensichtlicher? – Aspekt: der Staat Israel ist ein explizit jüdischer Staat – der säkular ist, also Religion und Staatsbürgerschaft trennt. Sprich: nicht jeder Israeli ist Jude. Golda Meir (später erste Frau an der Spitze des Staates – welch ein Affront gegenüber den muslimischen Nachbarstaaten und auch konservativen westlichen Staaten damals) und andere mit der Staatsgründung in Zusammenhang stehende israelische Politiker haben sich klug, ausgiebig und auch konträr zum israelischen Staatsmodell und dessen Zielsetzung geäußert. Kein Wort war von dieser Diskussion oder überhaupt deren Existenz zu vernehmen.

Die Generation, welche den Zweiten Weltkrieg und den praktizierten mordenden Antisemitismus erlebt hatte, um die Radikalität und Bereitschaft zur endgültigen Vertreibung der Juden – auch in den Tod – wusste, diese Generation war auf der Suche nach einer Lösung zum Schutz von Menschenleben jüdischen Glaubens. Es sollte das Land an dem Ort errichtet werden, der über Jahrtausende ein konstanter historischer und kultureller Bezugspunkt für die Gläubigen in der Diaspora dargestellt hatte. Es sollte ein Ort werden, an welchem statt einer Minderheit die Juden die Mehrheit bilden sollten. Es sollte ein sicherer Ort für alle werden, vor allem für Jüdinnen und Juden die sich in einem anderen Land aufgrund ihres Glaubens bedroht, eingeschränkt oder verfolgt sahen. Nach der Staatsgründung wurde die Verfolgung nicht weniger, wie die jüdische Nakba zeigt.

Israel ist seit seiner Gründung kein unsicherer Ort für Menschen jüdischen Glaubens – oder doch? Noch bis jetzt klingt mir die Aussage des Referenten im Kopf, es sei zynisch sich nach dem Feiern in Tel Aviv mit israelischen Soldaten fotografieren zu lassen – warum frug ich nicht, oder verpasste seine Begründung. Vielleicht steht die Antwort in Zusammenhang mit der Betonung, dass jede Armee der Welt Kriegsverbrechen begehe, warum sollten ausgerechnet die israelischen Soldaten eine Ausnahme machen. Zweifellos hat er damit Recht. Gilt zu hoffen, dass Vorkommnisse solcher Art aufgeklärt, Verantwortliche bestraft und zukünftig verhindert werden – wie dies von der israelischen Armee auch praktiziert wird. Das fand jedoch keine Erwähnung. Wie auch die Tatsache, dass in der assymetrischen Kriegsführung, welche von Terroristen als Widerstandsstrategie verwendet wird, es sehr schwer, wenn nicht unmöglich ist, Verantwortliche und Entscheidungsträger für ihre Taten heran zu ziehen, haftbar zu machen und zu bestrafen. Im Gegensatz zu Angehörigen einer staatlich verbundenen Armee. Obwohl das Leben einen anderen Grad an Normalität und Intensität – als etwa ein Leben in Leipzig – hat, ist es doch sicher dort zu leben: wegen der Aktivitäten, die die Menschen vor Ort und in anderen Ländern dafür erbringen.

Die Bedrohungen, welchen Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt und auch in Israel heute ausgesetzt sind, sind nicht abstrakt, sondern sehr konkret – dies erwähnte auch der Referent, mit seinen Hinweisen auf willkürliche Messerattacken von Jugendlichen oder seiner Erwähnung von Bombenanschlägen etwa in Autobussen auf Zivilisten in Israel. In den Diskussionsbeiträgen wurde durch das Publikum trotzdem mehrfach auf die Existenz und die Gefahr des eliminatorischen Antisemitismus verwiesen, wobei die BDS-Bewegung ja mit zivilen Mitteln ihren Unmut über, ja worüber eigentlich, zu kanalisieren versucht: das Verhalten von Israelis (was ja auch Christen oder Muslime sein können)? Oder: den Entscheidungen der amtierenden israelischen Regierung? Oder geht es um die Existenz des jüdischen Staates an sich? Was ist das eigentliche Ziel der BDS-Bewegungen, welches die Mittel, wer die Akteure, wie groß die (Miss-)Erfolge, welcherart die Reaktionen? All das sollte den Abend über keine Rolle spielen, ging es doch um theoretische Erklärungen des Antisemitismus und die Genese des Staates Israel als Nationalstaat. Vielleicht lag es an einer Erkrankung, auf welche der Referent entschuldigend verwies, welche den Ablauf und Inhalt etwas getrübt haben.

An keinem Punkt erwähnt der Referent die im eigentlichen Kern ideologische Arbeit von BDS-Gruppen, welche gesellschaftlichen Druck erzeugen wollen, der sich ökonomisch gegen den Staat Israel formiert: indem sowohl dazu aufgefordert wird israelische Waren zu boykottieren als auch der Staat Israel keine Investitionen, sondern Sanktionen erhalten soll. Eine Kritik an der ökonomischen Dimension des Judenhass mochte der Referent nicht formulieren – als zu marginal und ineffektiv stellte er diese Strategie dar. Dass das Engagement für eine wirtschaftliche Isolierung gesellschaftlich akzeptiert und manifestiert auch in anderen, unökonomischen Bereichen weiter um sich greifen kann und zur Isolation, zur Marginalisierung des Boykottierten beitragen soll, fand ebenso keine Erwähnung.

In den Diskussionsbeiträgen wurden kritische Äußerungen an den Referenten heran getragen, etwa das Vernachlässigen von Diskursen der vergangenen Jahre oder das inhaltliche Abschweifen, eine Ignoranz gegenüber dem angekündigten Diskussionsgegenstand.

Als durch Wortmeldungen von körperlichen Übergriffen auf politisch aktive Israel-Sympathisanten durch BDS-Aktive in Leipzig berichtet wurde, wischte der Referenten diese ironisch beiseite: es sollte doch gerade in Leipzig kein Problem darstellen auch in dieser Form der Auseinandersetzung zu siegen – indem man sich organisiere und zuerst zuschlage. Vereinzelt folgte Gekicher im Publikum. Und das, wo doch das Conne Island zuletzt mit einer Veröffentlichung wegen sexueller und krimineller Übergriffe – welche auch als Hilferuf oder Ohnmachtssignal gedeutet wurde – überregional für Schlagzeilen sorgte. Und das, wo doch diese Veranstaltung vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie Leben!“ gefördert wurde.

Bevor das offizielle Ende der Veranstaltung verkündet wurde begab ich mich nach draußen. Vielleicht wurden noch Dinge zum Gegenstand der Auseinandersetzung, welche einige der offen gebliebenen Fragen beantwortet hätte. Vielleicht auch nicht. Als ich auf dem Weg nach Hause bin, überlege ich ob die Veranstaltung vornehmlich Israel kritisch, Israel solidarisch oder Israel grau war. Und was perspektivisch im 25. Jahr Conne Island noch so alles passieren wird.

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Am heutigen Montag, 11.01.2016, wird PEGIDA nicht in Dresden sondern in Leipzig sich versammeln. Anlass: das einjährige Bestehen des Leipziger Bündniss.

Auch andere __-GIDAs werden ihre Versammlung nach Leipzig verlegen. Es darf mit mehreren tausend Teilnehmenden in der Messestadt gerechnet werden.

Lutz Bachmann rief am vergangenen Montag in Dresden mit Nachdruck zur Teilnahme am 11.01.2016 in Leipzig auf.  (src)

auch Kameradschaften und organisierte Nazis haben sich für den Tag heute nach Leipzig angekündigt. Die politischen Lager getrennt zu halten – scheint Polizeistrategie zu sein, angesichts der schwergepunkteten Patri_gidaisten im Norden am Zoo/Finanzamt und der Gegendemonstrierenden im Süden der Stadt. Aktionskarte für den heutigen Tag in Leipzig (via):

CYboqEVWAAAL620In Statements von Seiten der Stadt wurden Einschränkungen für den Verkehr und anderweitige Behinderungen vorausgesagt.

Die Nazis hatten bereits 1945 damit begonnen von der „Sinnlosigkeit und der Unmenschlichkeit“ der Bombardierung zu sprechen, zu DDR-Zeiten galt es – die anti-imperialistische Keule schwingend – Dresden zu einem Mythos zu stilisieren (wie auch Ulrike Meinhof es tat). Die SED inszenierte das Gedenken feierlich am Ort der Zerstörung (click4pic), noch heute beherrscht die gedenkenden Bürgerinnen und Bürgern der wieder-aufgebauten-Stadt einhellig die Überzeugung von der Sinnlosigkeit der Zerstörung.

„Nie wieder Ami-Bomben auf unsere Städte“ fordert das unten befindliche Plakat aus der DDR. Eine Forderung ähnlich klingend jener pazifistisch gekleideten Absage an den Krieg gegen Deutsche. Dabei formulierte ugly-dresden schon vor einer Weile treffend:

Die Katastrophe war für sie nicht die Ermordung ihrer jüdischen NachbarInnen, die sie durchführten, sondern die Umsiedlung der Deutschen („Vertreibung“); der Zivilisationsbruch nicht die rauchenden Schornsteine von Auschwitz, sondern die Bombardierung von Dresden. (src)

Gewiss, das unten befindliche Plakat aus DDR-Zeiten ist ein Produkt seiner Zeit. Doch nicht nur der Kalte Krieg hat eine Portion Antiamerikanismus beigetragen. Der Friedensgruß mit dem ausgestreckten rechten Arm hat gewisse Ähnlichkeiten mit dem Gruß der Vergangenheit, könnte man meinen.

dresden_ruft_ikl959.comDresden ruft – All unsere Kraft FÜR DIE ERHALTUNG DES FRIEDENS FÜR VEREINIGUNG UND AUFBAU unserer Heimat!

Nicht nur in seiner Bildsprache findet sich eine Analogie zum blonden NS-Deutschen, auch der Bezug auf die Heimat, die mit voller Kraft einem neuen Zeitalter entgegen geführt werden soll, klingt vertraut. Ebenso die Erwähnung von Frieden und Vereinigung gab es wenige Jahre zuvor (noch nach dem Münchner Abkommen 1938 wurde Hitler als Friedenskanzler gefeiert, der alle Deutschen sammele). Neu ist das Wort Aufbau, welches der scheinbar blindwütigen Zerstörung der Amerikaner und Engländer folgen muss (geschwiegen wird bis heute von den Bombardements durch sowjetische Flugzeuge).

Dabei ist der Krieg 1945 ein totaler geworden – ganz im Sinn der Deutschen. Jeder als Arier rassifizierte war Teil des deutschen Volkskörpers; & eben jenen galt es gegen die angeblichen „Untermenschen aus dem Osten“ und die „verkommene amerikanische Kultur“ zu schützen. Nach der Naziideologie schien die Vernichtung besser als alles sonst. Ein Beleg dieser militarisierten großdeutschen Gesellschaft ist der Volkssturm oder etwa die Hitlerjungend, die noch 1945 singend und bewaffnet den anrückenden amerikanischen und russischen Truppen entgegen marschierten.

Indes ließ keine blinde Zerstörungswut die Alliierten die Angriffe gegen deutsche Städte fliegen (fast die Hälfte der britischen Flugzeugbesatzung kam nicht mehr lebend zurück) sondern die ihnen entgegengebrachte Absage einer Kapitulation.

The cost of the US tactical and strategic air war against Germany was 18,400 aircraft lost in combat, 51,000 dead, 30,000 POWs, and 13,000 wounded. (src)

Etwa 160.000 Mann alliierte Flugzeugbesatzung verloren während des Zweiten Weltkrieg ihr Leben (src). Die Unfähigkeit der fallenden Bombe wem auf den Kopf zu fallen und wen zu töten konnte im Gedenken niemals zu einer Läuterung führen – es ist das Erinnern an eine Zerstörung welches nur Opfer kennt. Ist eine Selektion, wonach verlangt wird? Alte, Kinder und Frauen vom Sterben aussparen? Das was die Bomben nicht zu leisten im Stande waren wurde in den Vernichtungslagern zuvor bewusst zum Instrument – Alte, Frauen und Kinder gehörten zu den ersten Opfern auf den Listen und in den Massengräbern.

Das heutige offizielle wie auch das Nazi-Gedenken in Dresden an die Bombardierung NS-Dresdens war und ist stets eines was an die deutschen Opfer erinnert – von deutschen Tätern oder gar alliierten Opfern wird geschwiegen. Dabei wird die Stadt personifiziert und ebenfalls zum Opfer gemacht – das Kollektiv auch nach 1945 zur Rettung vor persönlicher Verantwortung.

Nachdem der Endsieg nicht mehr erreicht werden konnte, verlangte die Nazi-Führung kämpfend und mit erhobenem Haupt in den Untergang zu marschieren – so kam es. Die Sinnlosigkeit liegt nicht in der Bombardierung Dresdens und anderer deutscher Städte sondern dem (gegen alle Umstände zum Trotz) Festhalten an der Nazi-Ideologie.

Dresden im Erinnerungtaumel 2014 – inklusive NeoNazis, Überlebenden Bürgern und Antifaticker.

350820Dieses Jahr jährt sich bereits zum neunten Mal der Todestag von Oury Jalloh, der an Händen und Füßen gefesselt auf einer feuerfesten Matratze in einer Polizeizelle in Dessau verbrannte. Das Gedenken an ihn und die Forderung die Umstände seines Todes aufzuklären sind vermutlich ein Motivationsfaktor nach Dessau zu fahren. Damit verbunden sollte jedoch auch das Aufdecken der hiesigen rassistischen Normalzuständen und eine Kritik daran sein, welche in der Praxis eben jene (die Kritik) bestärkt. Deswegen ist es vielleicht sinnvoll Dienstag nach Dessau zu fahren, oder woanders bei der Thematisierung zu partizipieren….

Demonstration in Gedenken an Oury Jalloh in Dessau
Dienstag, 7. Januar 2014
14:00 Uhr Hauptbahnhof Dessau
 
Demonstration in Gedenken an Oury Jalloh in Köln
Dienstag, 7.1.2014, 18.00 Uhr
Köln- Deutz (Treffpunkt U-Bahn-Haltestelle Deutzer Freiheit)
 
Mahnwache in Gedenken an Oury Jalloh in München
Odeonsplatz, vor dem bayrischen Innenministerium
Dienstag, 7.1.2014, 17-19.00 Uhr
 
Auf obiger Seite gibt es Hinweise auf organisierten Anreisen aus verschiedenen Städten (Hamburg, Berlin, FFMain, Leipzig, Jena) nach Dessau. Zum Tod von Oury Jalloh siehe auch Postings vom 17.11.2013 (Video), 04.01.2013, 02.01.2013, 17.03.2012 (Video), 15.11.2012 (Der Fall Bichtemann)

Der Mythos um die Bombardierung der Stadt Dresden im Jahr 1945 ist so alt wie teilweise ungeheuerlich. Und das Gedenken daran bis heute umstritten. Die Gedenken müsste es wohl treffender formuliert werden, denn es gibt derer einige:

Aus Anlass der Bombenangriffe auf Dresden vom 13. bis 15. Februar 1945 und mit Blick auf die Geschichte unserer Stadt erinnern wir an die Opfer von Nationalsozialismus und Krieg. (src)

menschenkette_dresden_2013_ikl959(geplante Menschenkette über zwei Elbbrücken zum 13. Februar 2013 in Dresden)

Wir? Wir:

Die Oberbürgermeisterin der Landeshauptstadt Dresden […] gemeinsam mit den Fraktionen des Stadtrates, Vertreterinnen und Vertretern von Wirtschaft und Wissenschaft, Kultur, Sport,  Gewerkschaften und Kirchen, mit der Jüdischen Gemeinde und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren [und, Anm.] alle Bürgerinnen und Bürger […]. Menschenkette am 13. Februar 2013 Auftakt 17.00 Uhr am Rathaus (Brunnen hinter dem Rathaus, gegenüber der Kreuzkirche) Zusammenschluss um 18.00 Uhr (src)

Es soll ein Gedenken sein an die „Opfer des NS und des Krieges“. (waren nicht alle Opfer des Nationalsozialismus? – Nein.) Selbst bei den Toten wird kategorisiert – jedoch andere Kategorien als z.B. Jean Amery gefunden hat (s.u.). Die Sinnlosigkeit des Sterbens in diesem Krieg des deutschen Volkstaumels für eben jene idealisierte und ideologisierte völkische Einheit kristallisiert sich bis heute ungerechtfertigter Weise in dem Opfergedenken einiger Dresdner und angereister Revisionisten. Dieses Gedenken, welches zu oft nur im luftleeren Raum stattfindet bzw. die eigentlich von der Volksgemeinschaft  gestärkte ultimative Opferrolle (=deren Tod) der anders Definierten & Gekennzeichneten selbst einzunehmen gedenkt/eingenommen hat/einnimmt. Der als anders wahrgenommenen fremde Teil, ja zum Teil verfremdete Teil der Volksgemeinschaft, wird dem eigenen Leid gleichgesetzt oder schlicht verneint. Jean Amery formulierte treffend:

“Da  und  dort  wird  vielleicht  jemand  einwenden, dass  auch  der  Frontsoldat ständig  [zu ergänzen wäre wohl: und auch die an der Heimatfront irgendwann, es war ein „totaler und radikaler Krieg“ – O-Ton-Goebbels – Anm.] vom  Tode umfangen war und dass darum der Tod im Lager nicht eigentlich einen spezifischen Charakter und eine unvergleichliche Problematik hatte. Muss ich erst noch sagen, dass dieser Vergleich untauglich ist? Der Soldat starb den Helden – oder Opfertod: der Häftling den des Schlachtviehs. Der Soldat wurde ins Feuer getrieben, und sein Leben war nicht viel wert, das ist wahr, dennoch war ihm vom Staate nicht das Sterben verordnet, sondern das Überstehen. Des Häftlings letzte Pflicht aber war der Tod.” (src)

Im Verbecherverlag jüngst ein Buch erschienen (fast schon zu spät), welches das Gedenken an die Bombardierung Dresdens ganz abschaffen möchte. Inhaltlich habe ich keinen Einblick genommen, die Textankündigung des Verlags lautet:

Dresden, imaginiert als die schöne, unschuldige Kunst- und Kulturstadt, ist das deutsche Opfernarrativ schlechthin – unnötig bombardiert, kurz vor Ende des Krieges mit »Hunderttausenden Toten«. Die alliierten Luftangriffe vom 13. bis 15. Februar 1945 bilden einen festen Bezugspunkt der Erinnerung und des Gedenkens in Dresden. Durch die Jahrzehnte war die Stadt Kulminationspunkt und Ausdruck jeweils aktueller Geschichtspolitik. Sie präsentiert sich als Symbol für Frieden und Versöhnung und inzwischen
sogar für wahrhaftiges Erinnern gegen geschichtsrevisionistische Nazis. Nicht zuletzt aufgrund des jährlichen Naziaufmarsches werden nun Mythen hinterfragt, Fakten erforscht und die  nationalsozialistische Geschichte Dresdens benannt. Aber reicht das? Muss nicht vielmehr das Gedenken selbst abgeschafft werden? Dieser Band sagt: ja! (src)

Soviel Geschichtsverdruss… Dabei würde vielleicht schon ein anderes Gedenken (inhaltlicher & formaler Art) reichen, oder gibt es etwas gegen denken gehen einzuwenden? Die victimisierte Haltung einiger erinnernder Versammlungen in der Stadt heute hätte vermutlich auch gut zum alljährliches Gedenken an der Ruine (=dem Opfer, dem Niederlagenresultat, der anschaulich gemachten Zerstörung) der Frauenkirche gepasst (dort wurden mit imperialismuskritischen Attitüden giftige Worte und Aussagen gegenüber dem sinnlosen anglo-amerikanischen Bombenterror verlautbart). So sah das alljährliches Gedenken zu DDR-Zeiten am Denkmals-Schuttberg  Frauenkirche während der 1980er aus:

_frauenkirche-dresden-ruine-1980er-ikl959.com

Heute sitzt & schlendert man wieder hindurch, durch die wieder aufgebaute Altstadt am Neumarkt. Man ist wieder drinnen, im warmen und bunten, musikalischeren (& auch wieder verkompletierten Bild) der barocken Stadt. Der Versuch heute etwas aus der Geschichte gelernt zu haben wird am deutlichsten in einer Kampagne, welche  Wörter stark machen will, schlicht: Werte einfordert über deren Inhalt und Definition sich lange diskutieren ließe.

13.februar-dresden_bekennt_farbe_ikl959(„13. Februar 2013 Mit Mut, Respekt und Toleranz – Dresden bekennt Farbe„, gesehn in Dresden)

Diese Kampagne der Stadt Dresden ist ein Signal. & es ist gleichzeitig schon im Vorhinein des 13. Februars ein Moment, der (Volks-?)Gemeinschaft suggeriert die so schon lange nicht mehr existiert. Und wenn: dann nur einmal im Jahr – am 13. Februar. Oder eben auch (in anderer Form) während des Jahre im nationalen scheinbar kollektiven Fußballtaumel. Das Gedenken an die Bombardierung Dresdens wird & sollte m.M.n. nicht in Vergessen geraten. Weshalb? Weil sich vor, aber auch nach der Bombardierung der Stadt die Spuren der massenhaften Menschenvernichtung der als minderwertig, gefährlich, rebellisch, schlicht: aus der Gesellschaft auzuschließender Elemente, finden ließ:

„[…] [Es] war mehr als eine Ironie des Schicksals, dass bei den Leichenverbrennungen nach den Luftangriffen auf Dresden im Februar 1945 Überreste jener Wachmannschaften [unter der Bezeichnung SS Bataillon Streibel, Anm.] tätig waren, die die gleiche ‚Praxis‘ in den Vernichtungslagern der ‚Aktion Reinhardt‚ und nach den Massenerschießungen der ‚Aktion Erntefest‚ […] ausgeübt hatten.“

(Wolfgang Scheffler: Probleme der Holocaustforschung, S. 281; in: Deutsche Polen Juden, Berlin 1987)

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Der Tod wurde ein Meister wegen Deutschland. Der Tod wird kein Meister gegen Deutschland.

(part I 2013 hier; Dresden 2010; Dresden 2011, Dresden 2012, to be continued…)

13.feb.2010-dd_hansastr_ikl959_(Dresden Februar 2010, Hansastraße/Bischofsweg)

Wie siehts aus derzeit im Freistaat? Einige Urteile wurden gefällt. Auch in Zusammenhang mit den alljährlichen Ereignissen im Februar. Einiges erscheint leicht als der Versuch die Staatskasse aufgrund von Straf-Zahlungen von widerspänstigen Geistern finanziell zu bespülen; ach nein, es wird eingesperrt. Hinzukommen so Sachen wie die „Absprechung der Immunität von Abgeordneten“ (von Hahn bis Lichdi, um gegen jene ermitteln und ein Verfahren einleiten zu können) welche sich an den Protesten gegen den victimisierten Trauermarsch der Rassisten beteiligten. In Sachsen-Anhalts-Landeshauptstadt Magedburg verlief der Nazi-Marsch zuletzt nicht ganz unerfolgreich, siehe das Bild:magdeburg_nazidemo_route_2013_ikl959& die Naziroute hier; immerhin: weniger Innenstadt als die Jahre zuvor, doch ist das relevant?). Die Polizei musste den Nichtdemokraten ihr demokratisches Recht zugestehen & deren deutsche Weltanschauung sicher auf die Straße tragen.

Die Strategie scheint erkennbar: Nazis laufen lassen & Protestierende festsetzen/verhaften. Letzten Endes ja sogar nachvollziehbar – in der Öffentlichkeit taucht kaum etwas über verletzte Menschen durch einen Naziaufmarsches auf; statt dessen Berichte über gefrustete Gegendemonstranten bzw. die Versuche den Rassisten den Weg zu verbauen. All dies lässt erahnen wie sich Dresden in etwa einem Monat anfühlen könnte. Der Eventcharakter (und damit vielleicht sogar schon bedeutsam für Tourismus & sonstwas in der Barock-Stadt) hat sich die letzten Jahr gut entwickelt. Für die sächsische Landeshauptstadt ist es das Jahres-Großereignis; (die Menschenanzahl die sich im Stadtgebiet bewegte findet sich sonst nur bei Fussballnationalspielen mit deutscher Beteiligung; 2010 wurde der große Februar-Umzug der aus ganz Europa angereisten Trauermärschler durch die Stadt erstmals verhindert – am wenigsten durch die bürgerliche Veranstaltung der Stadt jenseits der Elbe, sondern durch die massenhaft – auch von Auswärts angereisten – in der Kälte harrenden Blockierer & spazierenden Anwesenden diesseits der Elbe – Fussballspielen hätte vielleicht dem ein oder anderen besser getan, vor lauter Langweile) 13.feb.2010-dd_ikl959(Friedensstr., Dresden Februar 2010)

Wie wirds 2013 in Dresden aussehen? Einfach, wichtig und richtig bleibt die Kritik & das Mobilisierungspotential gegen den Braun-gefärbten Umzug in Dresden, schon weil das über die Jahre zu einem Event geworden ist an dem Niemand fehlen sollte. Oder so… „Naiv“ und „seltsam komisch“ erscheint im Rückblick ein Foto aus dem Jahr 2010 (unbekannt da noch die Ereignisse um die zur Tat schreitenden mordenden nationalen Untergründler, von einigen Publikationsorganen nichts weniger als diffamierend als „Dönermorde“ bezeichnet…):13.feb.2010-dd_nazis_essen_heiml.doener_ikl959to be continued…

In Dresden waren Ende 2012 ein oder zwei Haufen junger Menschen unterwegs um in der Neustadt Flyer zu verteilen. Sie wiesen darin auf eine Veranstaltung hin, die in wenigen Tagen (07. Januar) in Dessau stattfinden soll, versuchten des weiteren über die Hintergründe des Todes von Oury Jalloh zu berichten.oury_jalloh_spontandemo_dresden_flyer(der Text ist auch bei Indymedia zu finden)

Am 7. Januar soll in Dessau an den Tod von Oury Jalloh erinnert werden, der 2005 auf einer feuerfesten Matratze in der gefließten Polizeizelle Nummer fünf verbrannte (er verstarb an einem Hitzeschlag – die Staatsanwaltschaft im Jahr 2010: „Die Todesursache sieht das Gerichtsmedizinische Institut in einem sogenannten Hitzeschock, weil aufgrund der Flammenentwicklung sich Temperaturen bis 345 Grad Celsius nach zwei einhalb Minuten, entwickelt haben. Das führt zu einem schlagartigem Atemstillstand und dem Herztod.„;  anders als der zwei Jahre zuvor in der selben Zelle an einem Schädelbasisbruch gestorbene Mario Bichtemann)…

plakata3_initiativeouryjalloh(src)

Verwiesen sei nochmals auf einen Film und ein Hoerstück, welche die Ereignisse und Folgen des Unfassbaren darzustellen versuchen.

Vor etwa 10 Jahren (im November 2002) starb in einer Polizeizelle in Dessau ein Obdachloser an einem Schädelbasisbruch. Diensthabende waren „an diesem Tag ebenfalls der Dienstgruppenleiter Andreas S. und die Einsatzleiterin H. und zwei weitere Männer“ (src) – ebenfalls, weil es die selben zwei Beamten waren welche auch 26 Monate später – im Januar 2005 – Dienst hatten, als ein weiterer Mensch in genau der selben Polizeizelle sterben sollte – Oury Jalloh. Beteiligt war auch der selbe Arzt. Zufall? Der Fall des Mario Bichtemann war im Januar 2005 polizeiintern noch nicht abgeschlossen:

Aus den Aussagen des ehemaligen Revierleiters Kohl vor dem Magdeburger Landgericht im Frühjahr 2011 geht hervor, dass diese Untersuchungen zum Zeitpunkt des Todes von Oury Jalloh noch gar nicht abgeschlossen waren. Ohne die genauen Umstände im Fall Bichtemann gekannt zu haben, verfasste Kohl einen Monat später (10.02.2005) ein Schreiben an die Polizeidirektion, in welchem er Lobeshymnen hinsichtlich Andreas S. Arbeitsweise ausführte und seine Arbeit mit der Note gut beurteilte. Seiner Aussage zufolge wollte er den Dienstgruppenleiter nicht doppelt belastet sehen und war deshalb bemüht, den Fall Bichtmann zu den Akten zu legen, bevor erneut Vorwürfe im Fall Oury Jalloh erhoben wurden.  Obwohl das Verhalten Andreas S. im Fall Bichtemann nachweislich inkorrekt war (so wurden beispielsweise die halbstündigen Gewahrsamskontrollen bei dem stark alkoholisierten Bichtemann nicht eingehalten), wurde das Verfahren gegen ihn schliesslich ohne Disziplinarmaßnahmen stillschweigend eingestellt. Der ungeklärten Todesumstände von Mario Bichtemann hätte die Stendaler Kriminalbeamten stutzig werden lassen müssen. Bei einer derartig belastenden Vorgeschichte des Dessauer Polizeireviers wäre es eigentlich unumgänglich gewesen intensivere Befragungen und umfassendere Ermittlungen im Fall Oury Jalloh zu führen. Doch dies entsprach offenkundig nicht dem Untersuchungsauftrag, der in Absprache mit dem Innenministerium erstellt worden war. (src)

Schon 2002 gab es Unregelmäßigkeiten im Polizeirevier Dessau:

Nun [30.08.2007, Anm.] betritt der [..] Zeuge Thomas Ba. (42) den Gerichtssaal. Dieser habe am Tag, als Mario Bichtemann im Gewahrsam des Dessauer Polizeireviers im November 2002 sein Leben ließ, von 5.00 bis 13.00 Uhr Dienst gehabt. Der Verstorbene habe sich bei seinem Dienstantritt bereits in Gewahrsam befunden, seit dem Abend zuvor zwischen 21.00 oder 22.00 Uhr. […] Er [ Thomas Ba., Anm.] habe einmal nach 10.00 Uhr und ein weiteres mal etwa 12.20 Uhr auf Anweisung des damaligen Dienstgruppenleiters […] Andreas S. eine Zellenkontrollen durchgeführt, mit der Zielsetzung den Ingewahrsamgenommenen zu entlassen. […] “Hier habt ihr die Schlüssel, wenn er wach wird, dann lasst ihn raus.“, habe er vom Vorgesetzten Andreas S. den Auftrag zur Kontrolle erhalten. Er habe den Gewahrsamsschlüssel daraufhin an sich genommen und sei mit seinem Kollegen runter in den Gewahrsamsbereich gegangen. Nachdem er erst durch den Spion der Zellentür geschaut habe, habe er diese geöffnet und versucht den „Bürger“ anzusprechen. Hier habe Thomas Ba. festgestellt: „Er lag nur auf dem Boden, in scheinbar schlafendem Zustand. […]“ Normalerweise „machen sie Rabatz“ wenn sie ausgenüchtert sind oder wollen auf Toilette, so Thomas Ba. Bei der zweiten Kontrolle habe Kollege Jürgen S. „irgendetwas gemacht, aber was das weiß ich nicht mehr“, so der Befragte. Nach einem Vorhalt aus den Akten, wonach der Zeuge selbst eine getrocknete Blutspur vom linken Ohr bis zur Wange festgestellt haben will und dies im Verwahrbuch notiert habe, erinnert sich der Ba. wieder daran. […] Bei einer Inaugenscheinnahme des Verwahrbuches am Richtertisch, gibt der Zeuge an, dass der Eintrag nach dem Kontrollgang seine Handschrift trage. Die Einträge weisen aber wohl Unregelmäßigkeiten auf, so seien Kontrollgänge um 23.00, 00.15 und 01.15 Uhr vermerkt, aber dann erst wieder zwischen 04.00 und 05.00 Uhr.

Was der Zeuge von Dienstbeginn an bis 10.00 Uhr gemacht haben will, fragt Oberstaatsanwalt Preissner. Das wisse der Befragte heute aber nicht mehr konkret, nur dass er mit seinem Kollegen Jürgen S. Dienst gehabt habe. Dass sich jemand in Gewahrsam befand, habe er zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewusst. Die Anweisung zur ersten Kontrolle des Ingewahrsamgenommenen Mario Bichtemann könne der Angeschuldigte Andreas S. oder aber auch der Einsatzführer ihm gegeben haben. Nach diesem ersten Kontrollgang habe der Zeuge mit dem Vorgesetzten im DGL [Dienstgruppenleiter, Anm.]-Bereich gesprochen: „Ich habe meine Wahrnehmungen gemeldet, alles weitere musste auf nächst höherer Ebene passieren.“ An die Reaktion des entsprechenden Vorgesetzten kann er sich heute nicht mehr erinnern, weiß aber noch: „Solange wie ich oben war, habe ich eigentlich keine Hektik wahrgenommen.“ […] Wer schließlich den Arzt angerufen habe wisse er nicht. Ferner könne er nicht sagen, ob überhaupt jemand in den Gewahrsamsbereich gelaufen sei, um nach dem Befinden des Ingewahrsamgenommenen zu schauen.

Nachdem Thomas Ba. an diesem Tag 13.00 Uhr seinen Dienst beendet hatte, wurde er zu einem späteren Zeitpunkt nochmals über sein privates Mobilfunktelefon zum Revier zurück geordert. Daraufhin habe er sich wieder in Uniform auf seine Dienststelle begeben. Dort sei er im Kaffeeraum auf Beate H. und Jürgen S., mit dem er seinen Dienst getätigt hätte, getroffen. Hier habe er erstmals erfahren, dass Mario Bichtemann in der Zelle verstorben sei. (src) (siehe auch hier)

Derzeit wird über die Ereignisse und Umstände des Todes von Oury Jalloh in Magdeburg verhandelt (siehe hier). Der Fall Bichtemann spielt dabei keine Rolle, sollte es aber vielleicht. 26 Monate vor Oury Jalloh starb in genau der selben Polizeizelle mit genau den selben beteiligten diensthabenden Beamten Mario Bichtemann. Lebendig in eine deutsche Polizeizelle, tod wieder hinaus. Zu einer sehenswerten Doku über den Fall Oury Jalloh klick hier.

  • DRS: Marie Luise Knott über das Verhältnis Hannah Arendts zum Zionismus (30 Min) download (via)
  • SWR2 Wissen: Zwang und Gewalt in der Psychiatrie (28 Min) download
  • WDR Zeitzeichen: 1967 – Die Hippies (15 Min) download

-> weiteres siehe auch Kommentare hier

-> hoerenswert im übrigen im Moment das SWR2 Archivradio mit einer (zumindest akustischen) Rückversetzung in die Zeit des Deutschen Herbst (RAF) und dessen Folgen bis in die 1990er

 

update:

HR2 Doppelkopf: Georg Kreisler (42 Min) download

NDR Forum: Rostock Lichtenhagen – Vor 20 Jahren und heute (30 Min) download

 

Einen Tag vor dem offiziellen Holocaustgedenktag, dem Tag der Befreiung des Lagers Auschwitz durch die Rote Armee im Jahr 1945,  also vor 67 Jahren, ist es mal wieder Zeit sich Gedanken zu machen und die Frage zu stellen: Wie wird umgegangen mit der barbarischen Vergangenheit, nein vielmehr mit dem Ort der Sinnbild geworden ist für die rationalisierte, industrialisierte Menschenvernichtung? Es scheint, als ob das Lager Auschwitz zu einem Platz geworden ist, der sich einreiht in die Kette von Sehenswürdigkeiten die man eben besucht wenn man in der Nähe ist (oder wegen dem Klassenauflug gezwungen ist zu besuchen). Es ist ein Ort, der mit der ikonographierten Metapher alles zu beinhalten scheint und deshalb wie ein Schlüssel wirkt, aber das was zu bekommen ist  „nur“ Stacheldraht, einige Gebäude und Ruinen meint. Es ist ein Ort der die Vergangenheit nicht greif- oder erklärbarer werden lässt. Es ist ein Ort und kein Abstraktum, ein Ort der schreit von Entmenschlichung und Barbarei und doch schweigt, ein Ort der einen Prozess  und Handlungen beinhaltet und doch museal starr bleibt und schweigt. Die über ihre Erfahrungen erzählenden Überlebenden sind ein Versehen.

Es ist ein Ort in der Welt der in der Welt bleibt – und zum Spielplatz wird und allem wonach das menschliche Bedürfnis eben trachtet…

(src)

Lesenswertes von Henryk M. Broder, der das heutige Lager vor allem als ökonomischen Tourismusfaktor beschreibt, aber nicht mit dem richtigen Schluss zum 50. Jahrestag der Befreiung des Lagers.

Für Detlev Claussen löste sich der Ort Auschwitz auf – hinter einem sinnstiftendem Abstraktum: „Mit ‚Holocaust‘ aber war das Zauberwort gefunden, das Auschwitz verschwinden ließ. „ (von hier )

In Deutschland hat es seit jeher Konjunktur die Toten von Auschwitz mit den Toten von Stalingrad oder den Toten von Dresden zu nennen – als Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in einem sogenannten Jahrhundert der Extreme. Doch genau darin ist nicht nur eine Relativierung, sondern die Negation der industrialisierten Menschenvernichtung zu sehen. Das Leben innerhalb des Lagers wird dem Leben außerhalb des Lagers gleichgestellt, das allgegenwärtige Sterben im Lager als eine bloße Facette der Allgegenwart des Todes im Krieg dargestellt…

Jean Amery: „Da  und  dort  wird  vielleicht  jemand  einwenden, dass  auch  der  Frontsoldat  ständig  vom  Tode umfangen war und dass darum der Tod im Lager nicht eigentlich einen spezifischen Charakter und eine unvergleichliche Problematik hatte. Muss ich erst noch sagen, dass dieser Vergleich untauglich ist? Der Soldat starb den Helden – oder Opfertod: der Häftling den des Schlachtviehs. Der Soldat wurde ins Feuer getrieben, und sein Leben war nicht viel wert, das ist wahr, dennoch war ihm vom Staate nicht das Sterben verordnet, sondern das Überstehen. Des Häftlings letzte Pflicht aber war der Tod.“ (src)

Jeweils Mittwoch um 24:10 / aka Donnerstag 00:10 Uhr auf Radio Corax im Raum Halle/Saale auf 95.9 FM oder per Stream.

komplettes Programm im Corax-Heft…

16.11.11 Ralph Arlyck – Following Sean (80 Min, 2005)

Following Sean is a 2005 documentary film directed by Ralph Arlyck. Bei IKL gibts die englische Tonspur des Films zu hören. Es ist ein Film über die Hochzeit der Hippies und deren Lebenseinstellung, über die amerikanische Gesellschaft, über persönliche Lebenswege und -vorstellungen. „The more things change, the more we are not the same.“ Der Autor, selbst Teil der idealisierten Bewegung, bezieht bei seiner Untersuchung das eigene Leben mit ein. Sehens- und Hörenswert.

29.11.11 Rolf Cantzen – „Die Protokolle der Weisen von Zion“ & „Die Weltordnung der Weltverschwoerer“ (2003)

Die Protokolle der Weisen von Zion sind eine Fälschung. Das wurde mehrfach bewiesen. Zuletzt hat der Comiczeichner Will Eisner vor seinem Tod diese Thematik noch einmal zusammengefasst. Was kaum bekannt ist: dieses Konstrukt was die vermeintliche jüdische Weltverschwörung enttarnt zu haben glaubt ist ein Longseller in den arabischen Staaten. Und nicht nur in schriftlicher Form, auch im Fernsehen wird immer wieder darauf Bezug genommen. Rolf Cantzen spricht mit Wissenschaftlern und versucht die hinter dem alles sich passend machenden Welterklärungsmodell Verschwörung liegende Funktion zu beschreiben.

Jeweils Mittwoch um 24:10 / aka Donnerstag 00:10 Uhr auf Radio Corax im Raum Halle/Saale auf 95.9 FM oder per Stream.

05.10.11 Ror Wolf – Die Durchquerung der Tiefe 2v2 (1997)

Teil 2 (8. bis 13. Kapitel). Berichte von einem der plötzlich in der Tiefe verschwunden ist. Es sind Berichte über normale und seltsame Menschen, über sonderbares und gewohntes, über die Welt oben und unten. „Haben sie einen Grund?“ „Ich habe einen Grund, darauf können sie sich verlassen.“

12.10.11 Bertolt Brecht – Die heilige Johanna der Schlachthöfe (Berliner Funkstunde 1932; 42 Min.); Adorno – Bloch – Möglichkeiten der Utopie heute (27 Min.)

Die Erkenntnis der Johanna Dark gleicht einer Ernüchterung: Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht, es helfen nur Menschen, wo Menschen sind. Brecht kritisiert mit dem Instrumentarium der marxistischen Kritik den Reformismus der Arbeiterbewegung. Dieses erste von drei seiner ‚Johanna‘-Stücken war 1929-31 entstanden und gelangte erst 1959 erstmals auf die Theaterbühne. Im Radio hingegen war es bereits im April 1932 in einer gekürzten Radioversion erstmals zu vernehmen. Zum besseren Verständnis der Handlung gab es damals noch erläuternde Zwischentexte, die aber allesamt nicht mehr erhalten sind.

Adorno und Bloch im Gespräch: „[…] Die wesentliche Funktion die dann Utopie hat, ist eine Kritik am Vorhandenen.“ „Ja.“ „Wenn wir die Schranke nicht schon überschritten hätten, könnten wir sie als Schranke nicht einmal rezipieren.“ „Ja, die Utopie steckt jedenfalls wesentlich in der bestimmten Negation. Der Negation dessen was blos ist, und dadurch dass sie sich als ein falsches konkretisiert immer zugleich hinweist auf das was sein soll.“

19.10.11 Elfriede Jelinek- Stecken! Stab! und Stangl! (Eine Leichenrede) (1996)

Am 4. Februar 1995 werden kurz vor Mitternacht in Österreich vier Männer ermordet. Durch eine Rohrbombe des Attentäters Franz Fuchs sterben die Roma Peter Sárközi, Josef Simon, Ervin und Karl Horvath. Sie hatten versucht, eine Plakette mit rassistischen Beschimpfungen („Roma zurück nach Indien“), die an der Bombe angebracht war, zu entfernen. Die Männer sind sofort tot.

Elfriede Jelinek nimmt dieses Ereignis zum Anlass anhand der nachfolgenden Berichterstattungen, der öffentlichen Reaktionen und Verlautbarungen ein Bild der Gesellschaft zu zeichnen. Es ist ein Spiegel der österreichischen Republik, die räsoniert, verharmlost und darüber hinwegredet. So findet sich auch tatsächlich öffentlich geäußert die Überlegung, ob die vier Männer nicht letztlich selbst schuld an ihrem Verhängnis sind. Was Jelinek deutlich macht: der Mord wird zerquatscht, breitgetreten und relativiert.

 26.10.11 Issac Asimov – Die verbotene Erfindung (1967)

Eine Maschine wurde entwickelt um in die Vergangenheit zu sehen. Sofort stellt sich die Frage nach der Priorität (als ein Mittel zur Beeinflussung wird dann auch der finanzielle Hebel genutzt: wofür soll überhaupt geforscht werden?). Und es stellt sich damit auch die Frage: Wie effektiv kann eine staatlich gelenkte Wissenschaft sein? Welche Grenzen sind einer freien Forschung im Interesse der Allgemeinheit zu setzen?

Als im Mai 1945 dem Vernichtungswahn durch die alliierten Streitkräfte ein Ende gesetzt wurde, hatten die Deutschen sechs Millionen Jüdinnen_Juden, eine halbe Million Sinti und Roma sowie unzählige andere „Volksfeinde” ermordet. Und als wäre nichts gewesen, gingen sie zurück an die Arbeit. Diese funktionierte weiter als scheinbar vorpolitische Größe, an der sie sich aufrichten konnten. So wurde in Westdeutschland die Erinnerung an Deportationen und Massenvernich­tung durch die lebhaften Bilder eifriger Trümmerfrauen und den Stolz auf das „Wirtschaftswunder” ersetzt: „Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen vollbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wol­len.“ (Franz-​Josef Strauß, 1969) […] Die Vorstellung von Gesellschaft als einig für die Gemeinschaft arbeitendes Volk besteht fort, Arbeit bleibt in Deutschland Dreh- und Angelpunkt gesellschaftli­cher Integration. […]

In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurden – geplant von SA und weiteren Teilen der NSDAP, ausgeführt von „ganz normalen Deutschen” – im ge­samten Reich Synagogen in Brand gesteckt, Jüdinnen_Juden misshandelt, einge­sperrt und ermordet. Was hier in der kollektiven Raserei in Erscheinung trat, vollzog sich später in den Gaskammern der Konzentrationslager und den Erschie­ßungsaktionen der Einsatzgruppen. Akribisch versuchten die Deutschen noch die letzten Jüdinnen_Juden aufzuspüren und zu ermorden. Diesem Vorgehen kann keine ökonomische Ratio untergejubelt werden, Motivation war einzig der Wunsch nach vollständiger Vernichtung. Genau hier zeigt sich der Umschlag der instrumentellen Vernunft, das Scheitern an der nicht mehr mit ihr verbun­denen Humanität. Die Aufklärung und ihr Wissen wurden nicht zur Befreiung der Menschen aus ihrem Joch, sondern zur Vernichtung der „Gegenrasse” ge­nutzt. […]

Die deutsche Volksgemeinschaft, dieser kollektive Zusammenschluss, der sich in sei­ner Einheit permanent vom „Gegenvolk” bedroht fühlt, hat mit der militäri­schen Niederlage 1945 keineswegs ein Ende gefunden. Mit dem Begriff des Postna­zismus wird die Tatsache gefasst, dass mit der militärischen Niederlage 1945 zwar das Morden endete, die viel beschworene „Stunde Null” aber nie eintrat. Vielmehr haben die nachnationalsozialistischen Demokratien in Deutschland und Österreich Struktur-​ und Ideologieelemente des Nationalsozialismus modifi­ziert in sich aufgenommen. (src & kompletter Aufruf für den 3.10.11 in Bonn hier zu finden – lesenswert!)

Jeweils Mittwoch um 24:10 / aka Donnerstag 00:10 Uhr auf Radio Corax im Raum Halle/Saale auf 95.9 FM oder per Stream. Corax Programmzeitung hier zu finden.

06.09.11 Frank & Fefe – Stuxnet. (Alternativlos Folge 5)

Stuxnet ist zu einem geflügelten Wort geworden, um die Aufrüstung im virtuellen Bereich (Stichwort: „Nationales Cyberabwehrzentrum“) auf staatlicher Seite zu rechtfertigen. Zwei Nerds plaudern in der fünften Ausgabe ihres Podcast mit dem Titel „Alternativlos“ über die Hintergründe und technischen Grundlagen dieses Virus. Stuxnet ist in ihren Augen eine Meisterleistung. Der Virus schaffte es, verschiedene unbekannte Lücken zu nutzen und unerkannt zu bleiben. Letztendlich legte der Virus das iranische Atomprogramm in Natanz für längere Zeit lahm. Eine hörenswerte Sendung über X.509-Zertifikate, Exploitmärkte, explodierende russische Pipelines, Risiken in hiesigen Atomkraftwerken und eben Stuxnet.

14.09.11 H. G. Wells – Krieg der Welten (1977)

Außerirdische landen auf der Erde. Die Menschen beginnen die Marsianer zu bekämpfen. Die Erdlinge geraten in Panik & fliehen aus den Städten. Dies alles wurde in authentischer Hörfunkmanier als Hörspiel produziert und führte (angeblich) zu realer Panik in einigen amerikanischen Städten. Bei IKL gibt es die deutschsprachige Version des Klassikers unter den Hörspielen.

21.09.11 Adorno – Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit (1960)

„Mit Aufarbeitung der Vergangenheit ist in jenem Sprachgebrauch nicht gemeint, dass man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewußtsein. Sondern man will einen Schlussstrich darunter ziehen und womöglich es selbst aus der Erinnerung wegwischen.“ (Adorno)

28.09.11 Ror Wolf – Die Durchquerung der Tiefe (1/2) (1997)

„Eine Radio-Reise“ ist das Hörspiel mit 13 Kapiteln betitelt. Der Protagonist Doktor Collunder tritt eines Abends aus seiner Wohnung auf die Straße und fällt – fällt unaufhaltsam in die Tiefe. Irgendwann angekommen stößt er auf Andere, denen es ähnlich gegangen ist. „Eines Tages trat ich aus der Tür.“ „Plötzlich gab der Boden nach.“ „Plötzlich tat sich die Straße auf.“ „Plötzlich verspürte ich einen Sog.“ „Plötzlich verschwand ich in einer Erdspalte.“ „Es war dunkler als alles was ich bis dahin gesehen hatte.“ Auf dem Grund der Dinge ist alles in unablässigem Wandel.

Jeweils Mittwoch um 24:10 / aka Donnerstag 00:10 Uhr auf Radio Corax im Raum Halle/Saale auf 95.9 FM oder per Stream.

3.8. Elfriede Jelinek – Die Bienenkönige (1976)

Gibt es in einem Bienenstock nicht immer eine Bienenkönigin? Freilich. Doch Jelinek schafft im Stück eine postkatastrophale patriarchale Welt in der nur Männer geboren, Frauen als funktionales Subjekt (Gebährende und Dienerinnen) betrachtet werden. Um die Gesellschaft vor dem Aussterben zu bewahren, gelingt es Wissenschaftlern schließich ein Unsterblichkeitsserum zu entwickeln. Den wenigen gebährfähigen Frauen wird die Unsterblichkeit verspochen, deren Nachkommen sollen allerdings sterbliche Sklaven bleiben. Die patriarchale Gesellschaft gerät mit der Geburt des ersten Mädchens in einen radikalen Wandel.

10.8. Christa Wolf – Kein Ort. Nirgends. (1982) Teil I/II

17.8. Christa Wolf – Kein Ort. Nirgends. (1982) Teil II/II

Im Stück begegnen sich 1804 Karoline von Günderrode und Heinrich von Kleist. Heinrich ist zu dem Zeitpunkt 27 Jahre alt, Karoline 24. Zwei Jahre später nahm sie sich das Leben, sieben Jahre später er. Es ist eine fiktive aber mögliche Begegnung zwischen den beiden Romantikern. Christa Wolf umgibt sie mit Gegenspielern und Parteinehmer, wie dem Dr. Wedekind, den Brentanos und Savigny. Aus den geselligen Gesprächen über Literatur entwickelt sich ein unausgesprochenes Zwiegespräch zwischen Kleist und Günderrode, das die Unfähigkeit der beiden, sich der allgemeinen Oberfächlichkeit anzupassen, deutlich werden lässt.

24.8. Fjodor Dostojewski – Der Spieler (2004)

Im Sommer 1865 kehrt Dostojewski in einer Spielbank in Wiesbaden ein. Er verspielt in kurzer Zeit 3000 Rubel, die ihm sein Verleger für Rechte an einem Werk und eines noch zu schreibenden Romans ausgezahlt hatte. Im Oktober 1866 diktiert Dostojewski in knapp vier Wochen den Roman „Der Spieler“. Inhalt: Ein verschuldeter russischer General wartet auf den Tod seiner Tante um diese zu beerben. Doch diese taucht im Casino auf, verspielt beim Roulette ihr Vermögen. Der mitgereiste Hauslehrer setzt sein Leben fortan auf das Glücksspiel.

31.8. Friedrich Wolf – SOS… rao rao…, Foyn – „Krassin“ rettet „Italia“ (1929)

Am 12. Mai 1926 überquert Umberto Nobile mit einem Luftschiff als erster Mensch den Nordpol (an vorherigen Überquerungen gibt es Zweifel). Am 24. Mai 1928 überquert Nobile an Bord des Luftschiffes „Italia“ zum zweiten mal den Nordpol. Der Propgandacoup des unter Mussolini stehenden faschistischen Italiens scheint erfolgreich zu verlaufen. Doch einen Tag später stürzt das Schiff mit den 16 Männern an Bord ab. 10 Personen werden von Bord geschleudert, 6 verbleiben an Bord des wieder aufsteigenden Luftschiffes (welches nie wieder gesehehn wurde). Am 2. Juni 1928 empfängt der russische Funkamateur Nikolai Reinhold Schmidt einen SOS-Ruf der Nobile-Nordpolexpedition. Während der internationalen Suche nach den Überlebenden, an der sich Italien nicht beteiligt, wird der Polarforscher Amundsen ums Leben kommen. Die Überlebenden werden schließlich vom Eissbrecher „Krassin“ am 12. Juli an Bord genommen. Das Hörspiel ist die älteste komplett erhaltene Hörspielproduktion in deutscher Sprache.

Jeweils Mittwoch um 24:10 / aka Donnerstag 00:10 Uhr auf Radio Corax im Raum Halle/Saale auf 95.9 FM oder per Stream.

06.07.11 Hermann Bohlen – Prozedur 7.7.0 (1996) & Ernst Jandl/Friederike Mayröcker – Fünf Mann Menschen (1968)

In dem Hörspiel von Bohlen begeben wir uns auf die Spur von „Unsortierbaren“: Menschen, deren Herkunft und Identität ungeklärt ist und die durch ihr Schweigen Mißtrauen erzeugen. Sie stehen in keinem sichtbaren Kontakt zueinander, über ihre Absichten gibt es keine sichere Erkenntniss. Es ist sogar fraglich, ob diese Leute überhaupt Absichten haben. Im Hörspiel wird die Reaktion von Erkennungsdienstlern, Wissenschaftlern und Bürgern fühlbar: eine in Brutalität umschlagende Hilflosigkeit. Am Ende werden die Sonderlinge kuzerhand zu „hilflosen Personen“ erklärt und anhand dieser Grundlage „markiert“. Ein Verorten von Identität und Freiheit, angesiedelt zwischen Wirklichkeit und Wahrheit; die gesellschaftliche Ordnung zeigt dabei ihre prohibitive Seite – die Gewalt.

Sprachkünstler Jandl & Mayröcker schleifen den Hörer im Zeitraffer durch zentrale Lebensereignisse: Gebärklinik, Elternhaus, Schule, Kino, Berufsberatung, Kneipe, Militär, Krieg, Spital, Gericht, Gefängnis, Erschiessung… wieder zurück zur Gebärklinik, diesmal als Erzeuger. „Solange es Kinder gibt, wird es Kinder geben“. Das Resultat von „Fünf Mann Menschen“ ist das Modell eines Daseins in einem allmächtigen Verwaltungsapparat und inhumaner Verhaltenszwänge. Dieses funktionable Dasein unterliegt am Ende aller Lebenstage – wehrlos.

13.07.11 KEIN IKL weil Further in Fusion Extended – HAPPY Birthday!

20.07.11 Gob Squad – Calling Laika (1999)

Calling Laika is designed to take place in a car park at night, beneath the stars. The audience walk through a carpet of blue light, to find their places in 1 of 30 cars , arranged in a circle as if in an automobile séance.  The soundtrack encourages passengers to use their headlights and horns throughout and is transmitted through their car radios (it can also be broadcast over existing radio frequencies). It’s dark, searchlights wander through the sky and the lonely voice of a radio DJ takes messages from missing people. This is a place for calling Laika, for calling anyone or anything.  It is about the basic need for human contact. The piece moves between the uncontrollable urge for a Spielbergesque spectacle and the simplicity of the message, to understand and to be understood.

27.07.11 Ferdinand Kriwet – ONE TWO TWO (1968) & RADIOBALL (1975)

One Two Two: Kriwet: „Hörtexte verwenden theoretisch alle Möglichkeiten der menschlichen und auch künstlichen Stimmerzeugung sowie alle elektrotechnischen Möglichkeiten ihrer Analyse und Synthese mittels Aufnahme, Transformation und Montage. Neben unterschiedlichen Aufnahmepraktiken und der Verwendung spezieller Mikrophone sind vorläufig Schnitt und Mischung die in meiner Arbeit dominierenden Praktiken.
Parallel mt der fortschreitenden Konservierung von Lautsprache und ihrer allgegenwärtigen Reproduktion mittels Tonband, Schallplatte und Rundfunk erfolge eine von den optischen Bildträgern schließlich zusätzlich geförderte und beschleunigte Verminderung der menschlichen Fähigkeit zum spontanen Sprechen und ergo Denken, wovor Hans G. Helms schon in „FA:M‘ AHNIESGWOW“ graute (’nur noch Maschinen werden ticken‘).
Spezifische Eigenheiten des Gesprächs als der Vollform des Sprechens (Kainz) wurden von den neuen Idiomen der elektrischen Kommunikaton verdrängt oder vollends ersetzt. Ein Hinweis unter vielen mag hierauf die bloß rhetorische Forderung vieler politischer Demonstranten nach Diskussion sein, der vielleicht die Sehnsucht nach den verlorenen Fähigkeiten des sprachlichen Kommunizierens innewohnen mag. Musikalisch gedopt entsteht seit Jahren im Beat und Rock ein der neuen Kommunikation entsprechendes Idiom, das neben phänomenologischem auch soziologisches Interesse beansprucht.
Die Polarität von spontaner und technisch konservierter Sprache in allen Erscheinungsweisen ist ein Thema von ONE TWO. Daher wurde vor der endgültigen Montage meines V. Hörtextes ein Großteil seiner Materialien in einer öffentlichen Veranstaltung von Sprechern und über Band vorgestellt und samt allen Reaktionen in einem Übertragungswagen zur späteren Verwendung aufgezeichnet.
So ist eine authentische Kontrastierung und Korrespondenz gleicher Materialien in zweierlei Realisation möglich: hier zeitgebunden live und dort (im Studio) zeitunabhängig vorproduziert.
Ein zweites ‚Thema‘ bilden außer den fälschlich so genannten ‚vorsprachlichen‘ Artikulationen (atmen, keuchen, stöhnen, husten, lachen etc.) solche Sprechtypen, die sich durch ihre allgemeine Vertrautheit für eine zweckfreie literarische Demonstration vorteilhaft eignen wie z. B. das Zählen, das Aufzählen, das Abzählen, das Ver- oder Erzählen, das Buchstabieren, das Fragen und Antworten samt ihren charakteristischen phonetischen Eigenschaften. Soweit sie von diesen Sprechformen nicht bedingt werden, habe ich keine grammatischen Konstruktionen komponiert, da diesen im Bereich der Schriftsprache eine ausgeprägtere und ergo kompositorisch relevantere ‚Bedeutung‘ zukommt.
Zwischen den beiden genannten Themen vermittelt als drittes gespeichenes, teils eindeutig historisches (z. B. Hitler-Rede), teils rein phänomenologisches Material aus dem Schallarchiv des Rundfunks. Dieses Material wird sowohl als live-Mitschnitt als auch als studio- oder funkeigen Manipuliertes verwendet.“ (src: hoerdat.de)

Radioball: Kriwet: „Radioball, Hörtext 11, widmet sich der poetischen Analyse der Fußball-Fachsprache der Radio-Reporter nach dem Prinzip der Collage. Einen besonders dramatischen Aspekt erhalten die Fußball-Reportagen im Radio durch die ständig einander jagenden Direktübertragungen der parallel laufenden Spiele, die sogenannte Konferenzschaltung. Diese Dramaturgie der wöchentlichen Radioinszenierungen bestimmte die Struktur meines Radioball.“

Am Ortseingang von Holdenstedt (Südharz) wird zum „Burschentanz zu Pfingsten“ eingeladen.

In Lützschena (bei Leipzig) wird am dortigen Bismarckturm für die anstehende Sonnenwendfeier (& eine Veranstaltung zum 17. Juni unter dem Titel „Gegen das Vergessen“) geworben:

(Bismarckturm Lützschena.)

Das ist dann wohl „die Mitte“.

Auf Indymedia wird zum Aufstand aufgerufen:

„Wegen der Sperrung von Kino.to: Heute Sponti durch den Kiez! „

lol

update: es geht noch besser. aus dem aufruf zur sponti wegen des kino.to smashings scheint ein speziell antifaschistischer

[…] in den letzten Tagen wurden mehrere Freundinnen und Genossinnen (Antifaschistinnen) Schwer verletzt von Nazis und Bullen.

geworden zu sein. Mit der Forderung „für ein besseres Leben“.

In Braunschweig waren heute bereits angeblich schon Kino.to Sympathisanten in einer Demo unterwegs…:

Wir als emanzipatorischen Linke sehen die Sperrung von Kino.to als weiteren Eingriff des Staates auf die  individuelle Freiheit. Kunst muss für alle Menschen frei zugänglich sein und darf nicht der  Profitmaximierung der Unterhaltungsindustrie dienen. Bei den gestrigen Razzien wurde 13  InternetaktivistInnen brutal festgenommen.
Wir fordern ihre sofortige Freilassung!!!
Solidarität mit den Betreibern von Kino.to!
Kunst ist kein Wahre!

IKL – auf Radio Corax jeden Donnerstag ab 00:10 Uhr.

04.05.11 Bertolt Brecht – Furcht und Elend des Dritten Reiches (SDR 1967) (2/2)

In Anlehnung an Heinrich Heine wollte Brecht das Stück ursprünglich „Deutschland – Ein Greuelmärchen“ nennen. Er überlegte auch das ganze „Die Deutsche Heerschau“ zu nennen. Der endgültige Titel ist eine Anlehnung an Balzacs Werk „Glanz und Elend der Kurtisanen“. Den jeweiligen Szenen geht ein kurzes Gedicht voraus, wobei jede der Szenen für sich steht. Es geht um den Alltag, um das Private, darum wie sehr der Nationalsozialismus alle Lebensbereiche der Menschen durchdringt. So bekommen Eltern Angst, dass ihr eigenes Kind sie denunzieren könnte. Bereits am 21. Mai 1938 sind acht der 30 Szenen in Paris uraufgeführt worden.

11.05.11 Ferdinand Kriwet – Radioselbst (WDR 1979; 22min) & Radio (D/F 1983; 36min)

Radioselbst: Thema von RADIO ist das Radio selbst. Thema von RADIO ist die Ansprache des Rundfunks, seine stetige und allgegenwärtige Ansprache an die Hörer an den Lautsprechern in den Wohnungen und Betrieben und Schulen und Büros, in den Autos und auf den transistorisierten Wanderwegen des Tourismus; dargestellt am Programm einer beliebigen Sendewoche von WDR-2.

Radio: Ferdinand Kriwets Radio versucht, mit künstlerischen Techniken eine Hör-Vorstellung von dem zu vermitteln, was uns stetig an Stimmen umgibt, uns sprechend, singend, rauschend auf kurzen, mittleren und langen Wellen erreicht. Radio: exemplarisches Konzentrat dessen, was tagaus, nachtein in der Luft ist – „one the air“ -: Sprachatmosphäre. Radio: die Universalsprache des elektronischen Babel aus Chips und Transistoren, Röhren, Antennen, Netzen, Verteilern, Widerständen, Verstärkern etc. Radio: die Polyphonie des durch die gemeinsame Zeit strukturierten Welt-Geschehens.

18.05.11 Avanti-Sozial-AG – Neukölln in den Kollwitzplatz verwandeln? (Feature 2009)

„Den Effekt der Prenzlauerbergisierung, den wird es hier nicht geben“, sagt Reinhold Steinle, der in Neukölln Stadtteilführungen macht. Das sei zumindest seine Hoffnung. Aber längst ist klar: Der Norden Neuköllns verändert sich: mehr junge Leute, mehr Student_innen, neue Kneipen, Cafés und Galerien. Der Bezirk und der Berliner Senat bemühen sich um eine ‚Aufwertung‘ des Viertels – nicht ohne Folgen. Die Mieten steigen rasant. Soziologen beschreiben diesen Prozess als „Gentrifizierung“. Was aber sind die Gründe für die Entwicklung in Neukölln? Wer treibt sie voran? Das Radiofeature untersucht den Norden Neuköllns im Spätsommer 2009. Ausgehend vom Reuterkiez, mittlerweile medial und auf dem Wohnungs- und Kulturmarkt als „Kreuzkölln“ bekannt, wird über der Gentrifizierung in einem der sich am schnellsten wandelnden Berliner Kieze (über den es noch 2006 hieß es gehe dort zu „wie einstmals in der Bronx“) nachgegangen. Dabei geht es auch um die Strategie des Landes Berlin, kommunalen Wohnraum an die Privatwirtschaft zu übertragen, um die öffentliche Hand zu entlasten.

25.05.11 Franz Kafka – Das Schloß (SWF/RB 1953)

„Es war spätabends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor. […] Wenn die Straße sich auch vom Schloß nicht entfernte, so kam sie ihm doch auch nicht näher.“

Jeweils Mittwochs um 24:10 Uhr auf Radio Corax im Raum Halle/Saale auf 95.9 FM oder per Stream.

06.04.11 Ernest Hemingway – Schnee auf dem Kilimandscharo (SDR 1977)

Der Schriftsteller Harry geht nach Afrika, um zu einem einfachen Dasein zurückzukehren, um einen Sinn in seinem Leben zu finden. Der Versuch ein Leben in Luxus und Sicherheit zu führen hatte ihn intelektuell ruiniert. In Afrika wollte er zu einem einfachen, sinnvollen Dasein zurückfinden, doch eine kleine Verletzung droht seinem Dasein ein Ende zu machen. Zum Symbol wird das dicht unter dem Gipfel des Kilimandscharo liegende vermodernde Skelett eines Leoparden. Es wird zum Symbol eines „zu-spät“, eines Vorwagen und Scheitern und hinterlässt doch gleichzeitig durch seine verlorene Existenz offene Fragen.

13.04.11 Theo Gallehr – Wer hat Angst vor dem Milchmann (RB 1979)

Im Herbst 1977 war Theo Gallehr mit einem Aufnahmeteam unterwegs, um Tonaufzeichnungen zu machen für ein Projekt, das „Gesprochene Geschichte“ hieß. Plötzlich waren sie konfrontiert mit jener Stimmung, die als „Deutscher Herbst“ in die Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik eingegangen ist. Gallehr und sein Team haben sich mit an die Stammtische gesetzt und mitgeschnitten, was da in aller Öffentlichkeit so frank und frei geredet wurde. Die Aufnahmen wurden zu einem O-Ton-Hörspiel verarbeitet, ein Stück Zeitgeschichte von beklemmender Authentizität, das bestürzende Einblicke in die Volks-Seele einer „wehrhaften Demokratie“ liefert.

20.04.11 Andrej Tarkowskij – Hofmanniana (RBB/SWR 2004)

Der russische Filmemacher Tarkowskij (1932-1986) wollte mit „Hofmanniana“ einen Film über das Leben von E.T.A. Hoffmann schaffen. Anhand von Zitaten, Motiven und Passagen aus dessen literarischem Werk sollte eine Film-Collage verschiedene Facetten des Romantikers zeigen. Dieser Film wurde jedoch nie verwirklicht. 2004 wurde auf Grundlage des Filmszenarios ein Hörstück gebastelt. Angelehnt an Tarkowskijs Manuskript, wird sich darin Hoffmannscher Stilmittel bedient: die Erzählperspektiven wie auch die Zeitebenen wechseln sprunghaft, Schilderungen biographischer und historischer Wirklichkeit gehen nahtlos in Traumsequenzen über, die Grenzen zwischen Realität und Phantasie werden aufgehoben.

27.04.11 Bertolt Brecht – Furcht und Elend des Dritten Reiches (SDR 1967) (1/2)

Brecht schrieb zwischen 1935 und 1939 in der Emigration 11 der 24 Szenen. Er schrieb sie vor Beginn des Weltkrieges, doch die drohende Maschinerie war fühlbar in der lastenden Atmosphäre des öffentlichen und privaten Lebens. Aus wechselnden Blickwinkeln, unter verschiedenen äußeren Gegebenheiten und menschlichen Bedingungen, wird in den kurzen Episoden eindringlich der Alltag des Dritten Reiches gezeichnet: der Terror durch reglementierende Sprachverwirrung, durch Unterdrückung, Mißtrauen und Heuchelei. Brecht wollte deutlich machen, daß, wie er sagt „lange bevor über uns die Bomber erschienen“, unsere Städte schon unbewohnbar waren.

Jeden Mittwoch 24:10 Uhr auf Radio Corax im Raum Leipzig – Halle/Saale – Magdeburg auf 95.9 FM oder per Stream.

heute Abend: Edgar Lipki – Sucking Blood (WDR 2010) (zum anhören/downloaden hier zu finden)

09.03.11 Benny Barbasch – Mein erster Sony (DLR 2000) – Teil 1

16.03.11 Benny Barbasch – Mein erster Sony (DLR 2000) – Teil 2

Als der zehnjährige Jotam einen Kassettenrekorder bekommt, ist keiner mehr vor ihm sicher. Die Liebesaffären seines Vaters, die Sitzungen beim Familientherapeuten, den langsamen Zerfall der elterlichen Ehe – nichts entgeht seinem Sony. Auch die Erzählungen des polnischen Großvaters über seinen langen Weg in das neu gegründete Israel sowie das Zerwürfnis mit dem fundamentalistischen Onkel hält er auf Tonband fest. Aus Jotams Passion wächst so Kassette nach Kassette eine Chronik israelischer Gegenwartsgeschichte.
Die politischen Gegensätze Israels spalten auch Jotams Großfamilie: Während der Großvater Anhänger des Likud-Blocks ist, bekennt sich Jotams Mutter Alma zur linken Friedensbewegung. Ihr Mann Assaf hingegen fühlt sich nirgendwo zugehörig. Seine Tätigkeit als Ghostwriter von Biographien Holocaust-Überlebender zehrt an seinem Inneren. Auch die Flucht in zahllose Liebschaften tröstet ihn nicht. Einzig die enge Beziehung zu seinem Sohn Jotam bleibt unangefochten. Dieser hält auf seinem Sony neben allen Turbulenzen auch die leisen Zwiegespräche fest.

23.03.11 Elfriede Jelinek – Die Klavierspielerin (SWF 1988)

Mutter-Tochter Beziehung zwischen Zwang und Alltag, zwischen Einsamkeit und Verlangen. Der Versuch eines Ausbrechen und einer selbst bestimmten Unabhängigkeit. Kontrollierte Freiheit zwischen Tradition und Norm.

30.03.11 Ror Wolf – Der Ball ist rund (HR 1978)

Die Redundanz der Fußballspiele anhand einer Collage hörbar gemacht.

„Ein Menschenbild, das in seiner Summe Null ergibt“ gibt es heute Nacht bei IKL zu hören. Wer es sich ein anderes Mal zu Gemüte führen möchte, sei auf die ARD Mediathek verwiesen, dort gibt es das Stück zum anhören… (stelle grad fest, dass es dort nicht mehr zu finden ist… shame!)

Dietmar Dath: Die Abschaffung der Arten

12 Stunden langes Hörspiel ab Ende Januar im Podcast des BR zum Download.

Oder live per Stream vom 30.1.2011 bis 18.4.2011, immer Sonntags 15.00 Uhr / Wdh. Montags 20.30 Uhr bei Bayern 2.

Komposition: mouse on mars
Bearbeitung und Regie: Ulrich Lampen

Mehr drüber (sowie ab Ende Januar den Download des Hörspiels) hier.

jede  Mittwochnacht ab 24:10 Uhr auf Radio Corax im Raum Magdeburg/Halle/Leipzig auf UKW 95.9 FM oder per stream.

05.01.11 Hannah Arendt – Im Gespräch mit Günter Gaus (1964)

Gaus: Ausgehend von der Überzeugung seit 1931, daß der Machtantritt der Nazis sich nicht verhindern lassen würde, hat es Sie nicht gedrängt, aktiv etwas dagegen zu tun, zum Beispiel durch Eintritt in eine Partei – oder haben Sie dies nicht für sinnvoll gehalten?

Arendt: Ich persönlich hielt es nicht für sinnvoll. Wenn ich es für sinnvoll gehalten hätte – das ist alles sehr schwer nachträglich zu sagen –, dann hätte ich vielleicht etwas gemacht. Ich hielt es für hoffnungslos.

12.01.11 Alfred Döblin – Die Geschichte vom Franz Biberkopf (RRG 1930)

Franz Biberkopf kommt aus dem Knast und will ein anständiger Mensch werden. Er schlägt sich mit kleinen Tätigkeiten durch, aber die Zeiten sind schlecht. Biberkopf hat nicht nur mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, sondern wird schließlich in einen regelrechten Kampf verwickelt mit etwas, das von außen kommt, das unberechenbar ist und wie ein Schicksal aussieht.

19.01.11 Patrick Süskind – Der Kontrabass – gelesen von Walter Schmidinger (1981)

In der Theatersaison 1984/85 mit über 500 Aufführungen das meistgespielte Stück an deutschsprachigen Bühnen. Vielleicht wegen der kongruenten identifikatorischen Elemente – ein einsamer Kontrabassist hasst sein Instrument wie seinen Beruf, und trotzdem geht er dienstbeflissen an die Arbeit.

26.01.11 Inge und Heiner Müller – Die Korrektur (1957) (30min) & was überraschend anderes

Produziert 1957, vom DDR-Rundfunk zensiert, urgesendet vom MDR 1997. Inhalt des Hörspiels: eine Brigade in Hoyerswerda baut 1957 das Kombinat „Schwarze Pumpe“ auf. Alle haben ihre Probleme auf dem Bau – manche wegen persönlicher Einstellungen, manche wegen der Hierarchie, manche wegen ihrer Vergangenheit. Das Kollektiv wird am Ende nur durch die Partei gerettet.

Zweite halbe Stunde bei IKL was überraschend anderes.

…verkommen Veranstaltungen zu einer Pflichtübung. Für Einige ist es der 24.12, für Andere (oder vielleicht auch die selben) der 13.02 in Dresden. In der sächsischen Landeshauptstadt ist Anfang diesen Monats versucht worden, öffentlichkeitswirksam den Countdown („nur noch 66 Tage“) bis zum Event, bis zur Selbstvergewisserung, zu starten – unter dem Slogan „Dresden Nazifrei“:

Publicity, die Masse, ist das worauf gesetzt wird – schon in der Vorbereitung. So wurden im innerstädtischen Shoppingquartier Flyer verteilt – nur noch 66 Tage bis zum „Event“…. Doch das dahinfiebern der lokalen Antifaschisten ist sogar nachvollziehbar: ein Großteil der Dresdner lässt sich am 13.02 nicht auf der Straße blicken, bezieht lieber gar keine Position und überlässt das aufpolieren des weltoffenen-touristen Image lieber den europaweit angereisten Antifaschisten die sich Polizei und völkisch/nationalen gegenüberstellen. Dabei mobilisieren Gewerkschaften, Parteiorganisationen und dutzende weitere Initiativen seit den letzten Jahren kontinuierlich nach Dresden, um sich ihrer politischen Selbstverortung zu vergewissern.

Das Antifabündnis No Pasaran war von Teilen der linken Szene kritisiert worden, weil man angeblich nur auf Masse und nicht auf Inhalte setzt. Bei No Pasaran würde nicht über den Opfermythos geredet werden, sondern man arbeitet stattdessen mit Teilen der Zivilgesellschaft zusammen die selbst dem Mythos frönen. Tatsächlich versuchte jedoch No Pasaran kontinuierlich das Thema auf die Agenda zu setzen. Offenkundig nicht unerfolgreich, so heißt es in einer Pressemitteilung der sächsischen Linken.

Dresden ist zu einem Mythos erwachsen, um dessen Deutungshoheit gerungen wird  – das Ringen aber in erster Linie der wohltuenden Selbstverortung dient sich immer noch auf der Seite der „Guten“ zu befinden. Die anderen Tage des Jahres spielt das Problem „Nazi“ nicht so die Rolle und es ist auch klar warum – fehlende Kritik an nationalistischen, rassistischen oder antisemitischen Ideen macht man am 13.02 wieder wett – der Beweis wird alljährlich erbracht. Statt Haltungen/Einstellungen zu personifizieren wäre Ideologiekritik nötig. Statt der „Befreiung“ von der vermeintliche Trauergemeinde der Nationalen wäre eine progressivere, translokalistische Forderung wünschenswert.

Abgesehen von politischen Verlautbarungen rund um den 13.02 geht es darum, sowohl das Image der Stadt zu polieren wie auch sich einer scheinbar emanzipatorischen Bewegung anzuschließen. Die Politik scheint darauf zu reagieren:

Da zeigt sich, dass das Bündnis bereits erreicht hat, dass die OB in die Pflicht gerät, auch ihren Teil zur Verhinderung der Naziaufmärsche beizutragen. […]

Der Streit um das Gedenken an die alliierten Bombenangriffe ist jedoch auch in der Mitte der Gesellschaft seit Jahren Thema in Dresden. Die Stadt hatte lange an ihrem Gedenken festgehalten und sich Aktionen gegen Rechts verweigert. Das hatte sich in den letzten Jahren geändert.

Geändert hatte sich eigentlich in den letzten Jahren wenig: auf der einen Elbseite eine Menschenkette (meist Dresdner) mit weißer Nelke im Knopfloch die das Rathaus vor den Nazis schützen, angereiste Demonstranten/Blockadewillige gegen den Naziaufmarsch sowie die geächteten Völkischen auf der anderen Elbseite.

Wir Jusos lassen es nicht zu, dass Geschichtsrevisionismus und rechtes Gedankengut auf Dresdens Straßen zur Schau getragen wird. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass nur mit Blockaden verhindert werden kann, dass Nazis durch Dresden marschieren. Wir fordern alle Dresdnerinnen und Dresdner auf, an der Demonstration unter dem Motto „Dresden nazifrei“ teilzunehmen.“

Zur Schau darf es nicht getragen werden…

Das eigene Unbehagen über die hiesigen Zustände wird geheilt von einem Aktionismus am 13.02 der ins restliche Jahr hinaus wirken soll – ich bin auf die Straße gegangen, habe mich eingesetzt, ich habe was gegen Nazis gemacht. Die Forderung nach „Dresden Nazifrei“ ist dabei eine nachvollziehbare jedoch verkürzte Forderung (die jedoch das Abstraktum „Raus“ bei der vergleichsweise hohlen Forderung „Nazis Raus“ benennt).

Ob die angekündigten politischen Sit-ins „nur“ als Reaktion zu dem immer unerträglicheren Opfer-Geseier der völkischen in den letzten Jahren, oder als Reaktion auf den wachsenden Widerstand der antifaschistisch deklarierten Bündnisfront gewachsen ist, oder als Sorge vor dem Imageverlust soll hier nicht weiter thematisiert werden. Die Verlautbarungen aus Politik wie auch anderer Beteiligter, die hier wiedergegeben wurden, sind als „warm-up“, auf das was uns zum 13.02.2011 noch erwarten wird, zu verstehen:

Damit setzt das Bündnis die Strategie des letzten Jahres fort, durch breite gesellschaftliche Verankerung den politischen Preis [sic!] für die Räumung von Blockaden in die Höhe zu treiben.

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Der Radio Corax Medienpreis wird alljährlich verliehen.

Wer Lust & Laune & es auch für gerechtfertigt hält möge ein Kreuz setzen bei IKL – Im Kopf Lokalisation.

Ich würde mich drüber freuen.

Danke!

P.S.: Auch so sind Alle eingeladen am 17.12.2010 bei Corax in Halle/Saale anwesend zu sein, & der Preisverleihung in netter Runde beizuwohnen (und wer mag, sich bei der Gelegenheit die Senderäume & Studios von Corax persönlich in Augenschein zu nehmen).

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jede  Mittwochnacht ab 24:10 Uhr auf Radio Corax im Raum Magdeburg/Halle/Leipzig auf UKW 95.9 FM oder per stream.

01.12.10 Anne Waldman and Allen Ginsberg reading (including „Howl“) (August 9, 1975)

Anne Waldman and Allen Ginsberg poetry reading. Waldman reads „Fast Speaking Woman“ and other poems. Ginsberg reads „Howl“ in its entirety, and other poems.

08.12.10 Chris Ohnemus – Wers glaubt wird selig (SR 2009)

Der Hauptprotagonist Jan Goll blickt auf die Renaissance der Religion. „Höre auf, dir Sorgen zu machen und genieße das Leben.“

15.12.10 Ode to Gravity: Joanna Brouk interviews Steve Reich (December 12, 1973)

Steve Reich plays his music and talks about his sounds and dimensions with Joanna Brouk. The first two musical selections heard were recorded at the John Weber Gallery, in New York City, in May of 1973. The interview with Reich was recorded during his visit to the San Francisco Bay Area in November 1973 and was broadcast on December 12, 1973.

22.12.10 Klaus Kinski – Jesus Christus Erlöser (live 1971)

Ende November 1971 will Klaus Kinski die „erregendste Geschichte der Menschheit“ erzählen – das Leben von Jesus Christus. Doch er kommt nicht dazu. Das Bühnenprogramm des umstrittenen Schauspielers wird durch Zwischenrufe unterbrochen – von einem Publikum, das diskutieren will. Von einem Publikum, das keine Predigt hören will. Dem Mitschnitt der legendären Veranstaltung (90 Minuten) ist bei IKL ein zeitgenössischer Radiobeitrag über die Ereignisse vorangestellt.

zwei Verweise auf verschiedene Sachen:

1. Kein Wort zu Oosterbeek

Der WDR bietet seit letzter Nacht in seinem Podcast ein Hörspiel an, dass „auf Recherchen zu den realen alljährlichen Bilderberg-Konferenzen [beruht], auf denen seit 1954 angeblich heimlich weltpolitische Absprachen getroffen werden.“ Buch: Daniel Goetsch; Regie: Christoph Kalkowski. WDR 2010

Download nur für nen paar Tage. Habe kurz reingehört – fand es nicht sehr überzeugend. Bezeichnend jedoch, dass der WRD sich dem Hype um die Bilderberger und die Weltverschwörung annimmt (egal in welcher Form).

2. ARD-Hörspieltage

Alljährlich von der ARD im ZKM-Kubus in Karlsruhe veranstaltet. Auf der Homepage sind noch bis zum 15. November 4 von 10 Hörspielen des Wettbewerbs downloadbar. Die Kurz-Hörspiele aus der „freien Hörspielszene“ sind alle downloadbar. Manchmal richtige Schmuckstücke dabei. Sucht euch raus was ihr für spannend haltet…

aus einem Aufruf zur Teilnahme an stopbanque:

„Wir sind das rechtmässige Volk und die Besitzer der Nation.“

aus dem Aufruf von stopbanque:

„Ich als Bürger wünsche, dass die Währung nicht mehr unter privater „Kontrolle“ steht, sondern wieder auf die Nation, auf den Souveränen übertragen wird, der die richtigen Entscheidungen und grundlegende Frage seiner Währung besser kennt.“ quelle

Lesenswertes über die affirmative Kritik am Kapitalismus und die aktionistisch angelegte Aktion gibts bei mag – klick it!

in der Nacht Mittwoch zu Donnerstag ab ca. 00:10 auf 95.9 FM im Raum Magdeburg-Halle/Saale-Leipzig oder per Corax-Stream.

03.11.10 Michel Houellebecq – Ausweitung der Kampfzone (WDR 2000)

Michel führt ein unspektakuläres, gleichförmiges Alltagsleben ohne Freundin. Sein Dasein liegt irgendwo jenseits von Glück und Unglück – und eine Erklärung könnte die Sexualität unserer Tage sein. „Houellebecqs Kunst, der gesellschaftlichen Welt das Stethoskop an die Brust zu halten und ihre Krankheiten zu diagnostizieren, erinnert an Sartre und die Ekelbestände, die jener im menschlichen Dasein ausfindig machte, an Camus und seinen „Fremden“ mit Namen Merseault, der sich und der Welt gegenüber gänzlich entfremdet ist.“

10.11.10 Torsten Schulz – Boxhagener Platz (RBB 2005)

Boxhagener Platz, Berlin-Friedrichshain, 7. Oktober 1968. Für Holgers Großmutter ist der Tag der Republik ein Tag wie jeder andere. „Jetzt versperren die einem schon ’n Weg zum Friedhof, die Aasbande“, schimpft sie über die Ehrenparade der Nationalen Volksarmee. Dort, auf dem Friedhof, liegen ihre verstorbenen Ehemänner. „Boxhagener Platz“ – Einblick in die Welt der einfachen DDR-Bewohner und deren nicht ganz so einfaches Leben.

17.11.10 Mark Ravenhill – Feed Me (DRS 2001)

FEED ME entstandt für die BBC, es ist ein verstörenden Text, in dem Zufallsbekanntschaften in einer Metropole zu einem Reigen wechselseitig angeeigneter Lebensentwürfe führen, bis die verzweifelten Träume in der verdrängten Realität eines Krieges platzen. Doch dies bloß, um sich höchst überraschend neu zu formieren.

24.11.10 Kain Karawahn – Pyrophonie (30min) u.a.

Karawahn lebt in Berlin und Blossin. Er beschäftigt sich in Theorie und Praxis mit der kulturellen und künstlerischen Beziehung des Menschen zum Feuer: „Feuer ist weder Disziplin noch Ausdrucksform. Feuerkünstler GIBT ES NICHT!“ Zweite halbe Stunde bei IKL wird dann mit was (überraschend) Anderem gefüllt.