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Category Archives: black red gold delusion

bunte_republik_neustadt_in_schwarz-rot-gold.ikl959.comJüngst schmückte sich die Bunte Republik Neustadt in Dresden (ohne nationalen Fußballtaumel) mit den national Farben. Dabei gabs mal eine Zeit, da wurden bunte Pässe ausgegeben, da war der Kiez zumindest dem Anspruch nach anderes Hoheitsgebiet. Angekommen ist man bei einem Volksfestcharakter mit Wurstbuden, bei dem black-red-gold nicht fehlen darf…

der vormals bunte BRN-Pass (src), heute augenscheinlich Vergangenheit

(waren es einst die Helden welche ihren Namen hinterließen, so sind es heute die Goldbehängten. „Dein Name für Deutschland. – Hier könnte Dein Name stehen!“; gesehn in Leipzig)

(„Anlage made in Germany“, gesehen in Berlin, Juli 2011)

(„Deutschland spart sich reich“, screenshot von preisvergleich)

(the unfinished non-stop fairy-tale Germany)

(„Wir träumen vom Pokal„, gesehen in Leipzig-Plagwitz)

(„In Deutschland zu Hause – Einfallsreichtum – Deutsche Erfindungen“ – Briefmarke)

(Lidl-Fan-Meile-Plakat, gesehen in Dresden)

(„Aus 100% deutschen Kartoffeln“. Oder hier. )

„Internet made in Germany“ – can u feel the delusion?

Marktfrisch aus Deutschland

Milch aus Deutschland

Deutsches Suppenhuhn

(via)

(src)

Es rollt eine neue Welle der „black-red-gold-delusion“ heran (wenn nicht schon die beklebten Busse und Bahnen durch die Städte kutschieren -wie in Leipzig- ), mag man den Wünschen der Werbetreibenden glauben:

Schwarz. Rot. Günstig: Die Deutsche Bahn und Ogilvy bringen Deutschland zur FIFA Frauen-WM. Mit der Weltmeister BahnCard 25.
Zur FIFA Frauen-WM in Deutschland wird das ganze Land wieder im schwarz-rot-goldenen Freudentaumel sein – schnell werden da die Bilder vom legendären Sommermärchen 2006 wach. Und damit nicht nur das Gefühl einer einzigartigen Stimmung, sondern auch die Sehnsucht, endlich mal wieder Weltmeister im eigenen Land zu werden. (src)

(src)

Wer verwundert seine Augen reibt über die Allianz von Nationalismus und Kapitalismus, sei nur erinnert an das vergangene Epos aus dem Jahr 2010, & eben jene konsumstimulierende Begleiterscheinung:

Anfang des Jahres in Halberstadt gewesen. Hier ein paar Fotos, angefangen bei der „Kultivierung der Leere“, über John Cage, ein Sonnenrad im Fußboden eines Wohnhaus bis hin zur Zuckerfabrik.

Leipzig-Schleußig:

vergessen abzunehmen? nö. eher einrichten und gemütlich machen im „schwarz-rot-geil“. eben permanente wohlfühl-erinnerung an ein „nie endendes märchen“…

Zeit mal wieder über den Begriff Volk nachzudenken. Vielleicht.

Damals versuchte die NSDAP neben dem Volks-Empfänger auch die Volks-Wohnung und den Volks-Kühlschrank an den gemeinen Arier zu bringen. Erfolgreich war nur der Volks-Empfänger – bis zum Jahr 2009. BILD hat nämlich den Volks-Kühlschrank verwirklicht.

(quelle)

Volks-Produkt wurde erst nach 1945 der Volks-Wagen.

Alle die ihren Volks-Empfänger noch zu Hause stehen haben: Dank der Volks-Zeitung „Bild“ gibt es seit 2002 eine Fortsetzung der Volks-Produkte aus vergangenen Zeiten. Diese Woche: das Volks-Telefon!

Und Deutschland (ein nie zu Ende gehendes Kaffeemärchen) und das deutsche Volk bekommt endlich die Volks-Kaffeemaschine.

Aber was wäre ohne ein typisches Volks-Essen? Zeit für das Volks-Menü (nicht zu verwechseln mit der Volks-oder auch Volkx-Küche ).

(quelle1, quelle2, quelle3)

wer’s nicht glaubt: verwirklicht wurden bislang über 100 Volks-Aktionen:

Wie kam es dazu, Volks-Produkte zu vermarkten? Eine Fortsetzung der Zeit der Volks-Gemeinschaft? Weit gefehlt. Dazu BILD selbst:

Und so fing alles an: Die Idee für das erste Volks-Produkt entstand eher zufällig. Sie begann mit der Fragestellung: Wie macht man aus Lesern der BILD-Zeitung auch Nutzer der Internet-Angebote von BILD.de? Klarer Fall: Zunächst muss ein Computer her. Und zwar einer für alle – ein Volks-PC! Gesagt, getan. In den ersten sechs Monaten gingen 100.000 Exemplare über die Ladentheke! Weil der Erfolg so groß war, wurden sehr schnell Nachfolgeprodukte auf den Markt gebracht. Zum Beispiel ein Volks-Notebook erneut mit Plus, eine Volks-Kamera zusammen mit Kodak, ein Volks-Handy mit Talkline und ein Volks-Laufschuh mit Adidas. (quelle)

Wie langweilig – der schnöde Kapitalismus ist mal wieder Antrieb der Volks-Vermarktung. Seit 2002 wurden mehr als 12 Millionen Produkte verkauft und fast eine Milliarde Euro Umsatz generiert. Aber das war ja nicht anders zu erwarten:

der HR hat ein Banner in die Homepage eingebunden (screenshot):

Text: „Deutsche Kernkraftwerke holten bis heute 26 Mal den Weltmeistertitel bei der jährlichen Stromerzeugung. Wer will, dass Deutschland vorne mitspielt, setzt weiterhin auf Kernenergie; sicher, zuverlässig, flexibel und klimafreundlich.“ Deutsches Atomforum e.V. (Foto aus einer Zeitung vom 07.07.2010)

Wer sich überzeugen will: diese und noch mehr fussballassoziierte Werbung der Atomlobby gibts zum Download auf diesem Portal hier.

zum Abgesang auf das Erlebte lasst uns ein altes Volkslied singen aus dem Deutschen Fußball-Liederbuch (ca. 1920) (ohne worte):

Heil Dir du Fußballsport in Ehren
dir weih´n wir uns mit Herz und Hand
kein Machtwort deinen Lauf kann wehren
durch´s große deutsche Vaterland
Du stählst die Kraft, die deutsche Treue
und deutschen Mut flößt du uns ein
darum geloben wir aufs neue
nur Jünger deines Sports zu sein

Und wenn der erste Strahl der Sonne
durchbricht das weite Firmament
aufjauchzt das Herz von Freud und Wonne
mit unsrer Ruhe ist´s am End´
Wir eilen froh zum grünen Plane
hoch schlägt der Mut in starker Brust
wir folgen freudig unsrer Fahne
mit voller Jugendlieb und Lust

Drum Brüder lasset uns geloben
vereint zu sein in jeder Not
zu schützen fest trotz Sturmestoben
das Ehrenbanner bis zum Tod
Wenn´s donnernd braust wie Meeresbranden
fortpflanzend sich von Ort zu Ort
dann töne laut in allen Landen
Hipp Hipp Hurra dem Fußballsport

(quelle)

Nicht mal zwei Hände voller Fahnen (seien es BRD oder anderweitige)  irgendwann in den 1980ern im Stadion während eines Fussballnationalspiels zu zählen.

(quelle)

Hingegen im Jahr 2010 unzählige im Stadion. Hinzukommen die Fahnen auf allen Plätzen, an Autos, beim public viewing quer durch die gesamte Republik.

(quelle)

Knapp 2600km waren Florian Thalhofer und Juliane Henrich nach der WM 2006 in der ganzen Bundesrepublik Deutschland unterwegs.  Ihre Intention: wer sind die Menschen die an Masten und Fenstern und sonstwo schwarz-rot-gold auch über ein halbes Jahr nach der WM gehisst lassen? Florian Thalhofer meint in der Einleitung, dass er eine Fahne von seinem Küchenfenster aus sehen kann & ihn Nachts manchmal die Phantasie überkommt einfach hinüber zu gehen & sie abzureißen. (klick it)

Ein Leipziger erzählt, wie er sich zu DDR-Zeiten von der sowjetischen Besatzung (O-Ton: „russische Kolonie„) geknechtet fühlte und schon die sog. Wende zum Anlass nahm seine DDR Fahne von Hammer & Sichel befreit vors Fenster zu hängen. Er sei stolz ein Deutscher zu sein. Er sei weder rechts noch links… (klick it)

Film ist in vielen Auszügen (deswegen sehr ermüdlich und umständlich) auf der site http://www.vergessene-fahnen.de/korsakow zu sehen. Und vieles geht auch an der ursprünglichen Thematik der Fahnen vorbei & verläuft sich dann in persönlichen Befindlichkeiten. Einige schöne Sachen lassen sich trotzdem finden. Wie zum Beispiel diese junge Frau. (klick it)

Sie meint viele Eigenschaften gäbe es nur hierzulande. Ihr Lieblingsbegriff sei „deutsche Wertarbeit„, die neben Pünktlichkeit und Genauigkeit die gemeinen Deutschen charakterisiere…. (via ugly dresden)

Bild Zeitung vom 06.07.2010 (zum Onlineartikel):

Spätestens jetzt wird dem geneigten Bild lesenden Menschen klar: wenn sogar die da unten für uns sind – na dann ist mit uns & unserem fahnengeschwenktem Patriotismus wirklich alles in Ordnung. So beginnt dann auch der Text. Es ist die Rede von einer „wunderbaren Fan-Freundschaft„:

Und der sächsische Ministerpräsident (auf Politreise vor Ort) findet die angeblich häufig zu findende schwarz-rot-goldene Beflaggung „genial„:

Dass die Fotos nur gestellt sind wird spätestens dann klar, wenn mensch genauer hinsieht. Ein Fotograf läuft mit Fotos von deutschen Spielern und der deutschen Nationalfahne in der Tasche herum und drückt diese jungen Menschen in die Hand um das gewünschte Bild für die Bild zu erhalten. Dass knapp die Hälfte der Deutschen Israel für ein aggressives Land halten ist vergessen und findet natürlich im Artikel keine Erwähnung. Dass auch mehr als die Hälfte der Europäer in Israel eine Gefahr für den Weltfrieden sehen wird auch mal eben so verschwiegen…

Yedioth Ahronoth erwähnt im Artikel einiges, was die Bild verschweigt, nämlich dass die beliebteste Mannschaft die Holländer sind, dass viele Holocaustüberlebenden eher Bauchschmerzen haben mit den wachsenden Sympathien mit der deutschen Fußballnationalmannschaft, dass viele der Deutschlandfans arabische Israelis sind.

Die Headline: „Das neue offene Land (=Deutschland) jubelt für Menschenrechtsverletzer (=Israel)“ wirds vermutlich so bald nicht geben – auch nicht in der Bild.

[…] dringt in jedes Schlafzimmer und in jedes heimliche Versteck ein, als wäre die kollektive Anspannung zu einer all-anwesenden Stimme geworden, die jedem Einzelnen den Imperativ einträufeln will: sei gefälligst unverkrampft und ausgelassen fröhlich mit uns, denn Wir sind Wir und du gehörst dazu. […]

Es gibt ein Bedürfnis, dieser Gemeinsamkeit mit den auf einem staatlichen Territorium lebenden Menschen, freudig Ausdruck zu verleihen.

[…]; die Verteidigung dieser kulturindustriellen Stumpfsinnigkeit entpuppt sich als ein Bedürfnis, sich selbst als Einzelnen einem übergeordneten – in diesem Fall dem nationalen – Kollektiv unterzuordnen. Es bedarf hier keiner Manipluation, etwa einer nationalen Bourgeoisie, die dem Volk Spiele liefern wöllte, damit das Volk von seinen eigenen Interessen abgelenkt wird, sondern es ist das Bedürfnis der Vereinzelten selbst, die es kaum noch denken können, dass das Allgemeinwohl nichts mit dem Wohl der Individuen zu tun hat. In Verhältnissen, die immer mehr dazu tendieren Individualität oder Besonderheit zu liquidieren und die die Einzelnen in der Konkurrenz stetig mit sozialem Abstieg und Entwertung bedrohen, bemerken die Einzelnen ihre eigene Bedeutungslosigkeit. Aber anstatt gegen diese Verhältnisse aufzubegehren und eigene, individuelle Wünsche und Bedürfnisse gegen die Allgemeinheit geltend zu machen, wirft man sich einer übergeordneten, abstrakten Einheit an den Hals – vielleicht um selbst an etwas teil haben zu können, das im Gegensatz zur eigenen Person offensichtlich Bedeutung hat. So gefolgert, hängen sich die Bewohner des deutschen Territoriums die Nationalfahne an`s Auto, an`s Haus und an den Körper, um das Gefühl der eigenen Nichtigkeit zu kompensieren. […] (quelle)

Ohne viele Worte weil allzutreffend und schön formuliert sei auf den Text von aergernis verwiesen.

was würde wohl passieren wenn deutschland aus der wm ausscheiden würde, sei es im achtel-, viertel-, halbfinale oder der vorrunde oder sei es ein verlorenes endspiel? die revolution geht weiter.

was passiert wenn es den sportlichen wettbewerb des fussballs nicht nur mit menschen sondern mit autos gäbe? das ganze würde dann „autoball“ genannt & es gäbe auch hier einen feinen wettbewerb um den besten?

Bildunterschrift: „Standardmäß begrüßt das Bundespolizei-Orchester die Fahrer und Zuschauer in der LanxessArena

„Mehr als 13.000 Menschen waren zur Autoballweltmeisterschaft in die Arena geströmt, die Mehrheit in den deutschen Nationalfarben gekleidet. […]

Zarella, der bereits zuvor auf die Pfiffe mit sportlichem Ehrgeiz reagiert hatte, stürmte auf das Auto seines Konkurrenten und ließ sich von den vereinzelten italienischen Fans in der Halle feiern. Der Rest der Veranstaltung endete in einem gellenden Pfeifkonzert. Da half auch keine Aufforderung des Moderatoren Matthias Opdenhövel, der das pfeifende deutsche Publikum aufforderte, den Sieg des Giovanni Zarella zu beklatschen, soviel Anstand müsse doch sein. Das Ende der Autoballweltmeisterschaft des Stefan Raab lässt aufmerksame Beobachterinnen und Beobachter erahnen, was passieren wird, wenn die deutsche Nationalmannschaft nicht Weltmeister werden sollte: Gellende Pfeifkonzerte würden noch eine der harmloseren Erscheinungen sein, die mit einer eventuellen Niederlage einhergehen könnten.

(quelle) via reflexion