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Vor etwa 10 Jahren (im November 2002) starb in einer Polizeizelle in Dessau ein Obdachloser an einem Schädelbasisbruch. Diensthabende waren „an diesem Tag ebenfalls der Dienstgruppenleiter Andreas S. und die Einsatzleiterin H. und zwei weitere Männer“ (src) – ebenfalls, weil es die selben zwei Beamten waren welche auch 26 Monate später – im Januar 2005 – Dienst hatten, als ein weiterer Mensch in genau der selben Polizeizelle sterben sollte – Oury Jalloh. Beteiligt war auch der selbe Arzt. Zufall? Der Fall des Mario Bichtemann war im Januar 2005 polizeiintern noch nicht abgeschlossen:

Aus den Aussagen des ehemaligen Revierleiters Kohl vor dem Magdeburger Landgericht im Frühjahr 2011 geht hervor, dass diese Untersuchungen zum Zeitpunkt des Todes von Oury Jalloh noch gar nicht abgeschlossen waren. Ohne die genauen Umstände im Fall Bichtemann gekannt zu haben, verfasste Kohl einen Monat später (10.02.2005) ein Schreiben an die Polizeidirektion, in welchem er Lobeshymnen hinsichtlich Andreas S. Arbeitsweise ausführte und seine Arbeit mit der Note gut beurteilte. Seiner Aussage zufolge wollte er den Dienstgruppenleiter nicht doppelt belastet sehen und war deshalb bemüht, den Fall Bichtmann zu den Akten zu legen, bevor erneut Vorwürfe im Fall Oury Jalloh erhoben wurden.  Obwohl das Verhalten Andreas S. im Fall Bichtemann nachweislich inkorrekt war (so wurden beispielsweise die halbstündigen Gewahrsamskontrollen bei dem stark alkoholisierten Bichtemann nicht eingehalten), wurde das Verfahren gegen ihn schliesslich ohne Disziplinarmaßnahmen stillschweigend eingestellt. Der ungeklärten Todesumstände von Mario Bichtemann hätte die Stendaler Kriminalbeamten stutzig werden lassen müssen. Bei einer derartig belastenden Vorgeschichte des Dessauer Polizeireviers wäre es eigentlich unumgänglich gewesen intensivere Befragungen und umfassendere Ermittlungen im Fall Oury Jalloh zu führen. Doch dies entsprach offenkundig nicht dem Untersuchungsauftrag, der in Absprache mit dem Innenministerium erstellt worden war. (src)

Schon 2002 gab es Unregelmäßigkeiten im Polizeirevier Dessau:

Nun [30.08.2007, Anm.] betritt der [..] Zeuge Thomas Ba. (42) den Gerichtssaal. Dieser habe am Tag, als Mario Bichtemann im Gewahrsam des Dessauer Polizeireviers im November 2002 sein Leben ließ, von 5.00 bis 13.00 Uhr Dienst gehabt. Der Verstorbene habe sich bei seinem Dienstantritt bereits in Gewahrsam befunden, seit dem Abend zuvor zwischen 21.00 oder 22.00 Uhr. […] Er [ Thomas Ba., Anm.] habe einmal nach 10.00 Uhr und ein weiteres mal etwa 12.20 Uhr auf Anweisung des damaligen Dienstgruppenleiters […] Andreas S. eine Zellenkontrollen durchgeführt, mit der Zielsetzung den Ingewahrsamgenommenen zu entlassen. […] “Hier habt ihr die Schlüssel, wenn er wach wird, dann lasst ihn raus.“, habe er vom Vorgesetzten Andreas S. den Auftrag zur Kontrolle erhalten. Er habe den Gewahrsamsschlüssel daraufhin an sich genommen und sei mit seinem Kollegen runter in den Gewahrsamsbereich gegangen. Nachdem er erst durch den Spion der Zellentür geschaut habe, habe er diese geöffnet und versucht den „Bürger“ anzusprechen. Hier habe Thomas Ba. festgestellt: „Er lag nur auf dem Boden, in scheinbar schlafendem Zustand. […]“ Normalerweise „machen sie Rabatz“ wenn sie ausgenüchtert sind oder wollen auf Toilette, so Thomas Ba. Bei der zweiten Kontrolle habe Kollege Jürgen S. „irgendetwas gemacht, aber was das weiß ich nicht mehr“, so der Befragte. Nach einem Vorhalt aus den Akten, wonach der Zeuge selbst eine getrocknete Blutspur vom linken Ohr bis zur Wange festgestellt haben will und dies im Verwahrbuch notiert habe, erinnert sich der Ba. wieder daran. […] Bei einer Inaugenscheinnahme des Verwahrbuches am Richtertisch, gibt der Zeuge an, dass der Eintrag nach dem Kontrollgang seine Handschrift trage. Die Einträge weisen aber wohl Unregelmäßigkeiten auf, so seien Kontrollgänge um 23.00, 00.15 und 01.15 Uhr vermerkt, aber dann erst wieder zwischen 04.00 und 05.00 Uhr.

Was der Zeuge von Dienstbeginn an bis 10.00 Uhr gemacht haben will, fragt Oberstaatsanwalt Preissner. Das wisse der Befragte heute aber nicht mehr konkret, nur dass er mit seinem Kollegen Jürgen S. Dienst gehabt habe. Dass sich jemand in Gewahrsam befand, habe er zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewusst. Die Anweisung zur ersten Kontrolle des Ingewahrsamgenommenen Mario Bichtemann könne der Angeschuldigte Andreas S. oder aber auch der Einsatzführer ihm gegeben haben. Nach diesem ersten Kontrollgang habe der Zeuge mit dem Vorgesetzten im DGL [Dienstgruppenleiter, Anm.]-Bereich gesprochen: „Ich habe meine Wahrnehmungen gemeldet, alles weitere musste auf nächst höherer Ebene passieren.“ An die Reaktion des entsprechenden Vorgesetzten kann er sich heute nicht mehr erinnern, weiß aber noch: „Solange wie ich oben war, habe ich eigentlich keine Hektik wahrgenommen.“ […] Wer schließlich den Arzt angerufen habe wisse er nicht. Ferner könne er nicht sagen, ob überhaupt jemand in den Gewahrsamsbereich gelaufen sei, um nach dem Befinden des Ingewahrsamgenommenen zu schauen.

Nachdem Thomas Ba. an diesem Tag 13.00 Uhr seinen Dienst beendet hatte, wurde er zu einem späteren Zeitpunkt nochmals über sein privates Mobilfunktelefon zum Revier zurück geordert. Daraufhin habe er sich wieder in Uniform auf seine Dienststelle begeben. Dort sei er im Kaffeeraum auf Beate H. und Jürgen S., mit dem er seinen Dienst getätigt hätte, getroffen. Hier habe er erstmals erfahren, dass Mario Bichtemann in der Zelle verstorben sei. (src) (siehe auch hier)

Derzeit wird über die Ereignisse und Umstände des Todes von Oury Jalloh in Magdeburg verhandelt (siehe hier). Der Fall Bichtemann spielt dabei keine Rolle, sollte es aber vielleicht. 26 Monate vor Oury Jalloh starb in genau der selben Polizeizelle mit genau den selben beteiligten diensthabenden Beamten Mario Bichtemann. Lebendig in eine deutsche Polizeizelle, tod wieder hinaus. Zu einer sehenswerten Doku über den Fall Oury Jalloh klick hier.

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3 Trackbacks/Pingbacks

  1. By oury-jalloh gedenken « Im Kopf Lokalisation on 02 Jan 2013 at 8:04 pm

    […] Am 7. Januar soll in Dessau an den Tod von Oury Jalloh erinnert werden, der auf einer feuerfesten Matratze in der gefließten Polizeizelle Nummer fünf verbrannte (er verstarb an einem Hitzeschlag, anders als der zwei Jahre zuvor darin verstorbene Mario Bichtemann)… […]

  2. By Oury Jalloh | Im Kopf Lokalisation on 17 Nov 2013 at 7:50 pm

    […] an der offiziell verlautbarten Version, zu groß die Zufälle (siehe/lies den Post über einen weiteren toten Menschen – Mario Bichtemann – im Polizeirevier in Dessau in der selben Zelle mit […]

  3. By Oury Jalloh Demo 2014 | Im Kopf Lokalisation on 05 Jan 2014 at 3:29 am

    […] Demonstration in Gedenken an Oury Jalloh in Dessau Dienstag, 7. Januar 2014 14:00 Uhr Hauptbahnhof Dessau   Demonstration in Gedenken an Oury Jalloh in Köln Dienstag, 7.1.2014, 18.00 Uhr Köln- Deutz (Treffpunkt U-Bahn-Haltestelle Deutzer Freiheit)   Mahnwache in Gedenken an Oury Jalloh in München Odeonsplatz, vor dem bayrischen Innenministerium Dienstag, 7.1.2014, 17-19.00 Uhr   http://initiativeouryjalloh.wordpress.com (src) Auf obiger Seite gibt es Hinweise auf organisierten Anreisen aus verschiedenen Städten (Hamburg, Berlin, FFMain, Leipzig, Jena) nach Dessau. Zum Tod von Oury Jalloh siehe auch Postings vom 17.11.2013 (Video), 04.01.2013, 02.01.2013, 17.03.2012 (Video), 15.11.2012 (Der Fall Bichtemann) […]

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