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Die Deutschen, die sich selbst durchaus als Opfervolk verstanden, da sie doch nicht nur die Winter vor Leningrad und Moskau hatten überstehen müssen, nicht nur die Bombardements ihrer Städte, nicht nur das Urteil von Nürnberg, sondern auch die Zerstükelung ihres Landes – , sie waren allzu begreiflicherweise nicht geneigt, mehr zu tun,  als auf ihre Art die Vergangenheit des Dritten Reiches, wie es damals hieß: zu bewältigen. In diesen Tagen, da die Deutschen gleichzeitig für ihre Industrieprodukte die Weltmärkte eroberten und daheim nicht ohne eine gewisse Ausgeglichenheit mit der Bewältigung befasst waren, verdichtete sich unsere – oder vielleicht darf ich zurückhaltender nur sagen: meine – Ressentiments. Ich war Zeuge, wie die deutschen Politiker, von denen sich, wenn ich recht unterrichtet war, nur wenige im Widerstandskampf ausgezeichnet hatten, eiligst und enthusiastisch den Anschluss an Europa suchten: Sie knüpften mühelos das neue an jenes andere Europa, dessen Neuordnung Hitler in seinem Sinne bereits zwischen 1940 und 1944 erfolgreich begonnen hatte.

Jean Améry – Jenseits von Schuld und Sühne (2. Aufl. München 1970), S. 81f

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