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Die letzten Tage irgendwann Wolfgang Benz gelesen. Hier ein Zitat, welches das Weltbild des Historikers ganz gut zu beschreiben scheint:

Dieser Krieg [der Zweite Weltkrieg, Anm.] endete mit der vollkommenen Niederlage des Aggressors, der Eliminierung seiner Ideologie und der Bestrafung eines  Großteils seiner Exponenten durch öffentliche Gerichtsverfahren. (src)

Eliminierte Ideologie sieht anders aus als z.B. das „Ehrenmahl für die Opfer des Nationalsozialismus“ in Nordhausen Anfang des Monats:

   

Und neben der löblich erwähnten „Bestrafung seiner Exponenten“ sei nur daran erinnert, dass die Entschuldung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg nach einem anderen Konzept verlief: man verstand sich selbst als Opfer (siehe auch Heldengedenken in Grafentraubach). Überaus hörenswertes dazu von Dieter Langewiesche (Historiker mit Fokus auf Nationen & Nationenbildung) auf der site des dlf, also hier (via audioarchiv) – recommended listening!!

Langewiesche macht nämlich unter anderem deutlich, dass die Vernichtung der Juden nicht mal eben ein „Verlegenheitsprodukt“ war, wie ab und an behauptet (möglicherweise mit der Absicht dem „praktizierten Antisemitismus“ die implementierte Wahnhaftigkeit zu nehmen und das Resultat als Unfall zu generieren). So wird dann tatsächlich behauptet, Antisemitismus hätte nichts mit der Vernichtungspolitik der Nazis zu tun gehabt:

Der Antisemitismus erkärt die Vernichtungspolitik nicht. Er erklärt, warum Juden zum Gegenstand der Vernichtungspolitik wurden. Die Vernichtungspolitik hat sich aber ursprünglich und als erstes an den Psychiatrie-Patienten entzündet, um dann, nach dem Überfall auf die Sowjetunion, auf Juden und Roma übertragen zu werden, deren Vernichtung anfangs noch nicht einmal geplant war. (src)

Die Shoa wird hier als Beilage des NS serviert, der Judenmord also weder als geplant, noch als fundamentaler Bestandteil des völkischen Projekts, sondern als eine Folge des Euthanasieprojekts T4 gesehen. Dadurch wird der Holocaust in der Motivation und Realisierung auf eine Ebene gestellt wie die NS-Eugenik oder der Mord an Roma. Historisch fragwürdig und für die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Antisemitismus fatal.

Wolfgang Benz kommt (im Gegensatz zu obigem Zitat) zum Schluss, der Massenmord an den Juden sei letzte Konsequenz (einer auf die Endlösung, also der Vernichtung angelegten Idee, nämlich des Antisemitismus) gewesen:

Der Verpflichtung zur Zwangsarbeit, der Kennzeichnung (Judenstern ab September 1941) und dem Verbot der Auswanderung folgte die „Endlösung der Judenfrage“, die als Völkermord 1941—1945 im ganzen deutschen Herrschaftsbereich die letzte Konsequenz der Ideologie des Antisemitismus bildete. (src)

Wer sich Benz einmal anhören möchte kann dies hier (er scheint in diesem Gespräch zum 50. Jahrestag der Eichmannprozesse etwas verunsichert – oder spricht er immer so?!). Am Ende des Gesprächs ist seine Behauptung zu finden, die Deutschen hätten nur die ersten 20 Jahre nach dem Krieg über die NS-Verbrechen und das NS-Kollektiv geschwiegen, danach hätten sie sich adäquat mit den Ereignissen auseinander gesetzt. Aber was bleibt einem exponierten, vom Staat bezahlten Historiker (ehem. Leiter des ZfA) auch anderes übrig, als der hiesigen sich geläutert fühlend- und gebenden volldemokratischen Gesellschaft und Politik verantwortungsvollen Umgang mit der Vergangenheit zu attestieren? Dieser Umgang ist u.a. auch ein solcher wie in Bayern oft zu finden:

„Bis zum Tod getreu. 1914-1918. 1939-1945: Unseren Toten zum ehrenden Gedenken.“ oder auch:

Dem gekreuzigtem Christus gleich haben die Toten (namentlich erwähnt) ein Martyrium hinter sich (Dorfkirche nahe Regensburg). Zu finden ist die „christliche Treue“ auch in der Pfarrgemeinde Rampspau:

Oder auch (um zu zeigen, dass Graefentraubach kein Einzelfall der heldischen-Erinnerungskultur) die Gemeinde Weichs:

„Gewidmet den gefallenen Helden. Die dankbare Gemeinde Weichs.“

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3 Comments

    • hab eben jenen blogeintrag von dir ja schon mal verlinkt. manko ist, dass die site ewig zum laden braucht (weil die fotos so groß sind?!)…

  1. Die „Entschuldung“ ist somit nicht mehr nur ein Topos der extremen Rechten. Sie wird zum Thema der „unterwanderten Mitte“, die keine mehr ist. Der Entschuldungsdiskurs hat in allen politischen Schattierungen der deutschen Gesellschaft Fuß gefasst und kann die potenzielle Basis eines neuen, „unverkrampften“ Antisemitismus bilden, weil man die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich wähnt.
    http://www.hagalil.com/or/200xxxxx4/01/antisemitismus-studien.htm

    In der Wissenschaft wird dies jedoch also als „neues Phänomen“ eingeschätzt…


One Trackback/Pingback

  1. […] es einst die Helden welche ihren Namen hinterließen, so sind es heute die Goldbehängten. Gesehn in Leipzig vor ein paar […]

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