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Wer es schon immer geahnt hat: der Angriff auf Dresden war ungerechtfertigt – das zumindest hat auch eine Vorzeigelinke festgestellt: Ulrike Meinhof. Sie ist groß geworden (ihr Vater im übrigen überzeugter Nazi aus einer überzeugten Nazigroßfamilie)  in einer gesellschaftspolitischen Situation, in der die Entnazifizierung gescheitert war, der Antikommunismus instrumentalisierte Ideologie mit Analogien zur „Antibolschewistischen“ NS-Propaganda wurde. Damals gab es noch kein unbeabsichtigtes und unabhängiges Untersuchungsergebnis des Ausmaßes der Zerstörung Dresdens, die Stadt wurde (vor allem in der SBZ, später DDR) politisch-ideologisch aufgewertet zum deutschen Hiroshima. Unter diesen Umständen vielleicht fast ein wenig verständlich, dass Ulrike Meinhof zu folgenden fragwürdigen Aussage kam:

Wenn es eines Beweises bedürfte, daß es den gerechten Krieg nicht gibt – Dresden wäre der Beweis. Wenn es einen Beweises bedürfte, daß der Verteidigungsfall zwangsläufig zu Aggression entartet – Dresden wäre der Beweis. Wenn es einen Beweises bedürfte, daß die Völker von den kriegsführenden Regierungen selbst mißbraucht werden – Dresden wäre der Beweis. Daß an der Bahre Sir Winston Churchills das Stichwort Dresden nicht gefallen ist, legt den Verdacht nahe, Dresden sollte immer noch dem Volk angelastet werden, das doch selbst betrogen worden ist. Es ist der gleiche Takt, den die Bundesregierung praktiziert, wenn sie die Verjährungsfrist für in der NS-Zeit begangenen Mord nicht aufhebt. Wer die Täter nicht denunziert, denunziert aber die Völker. (fragwürdige! src)

In der Tat ist die Praxis der Verjährungsfrist von NS-Verbrechen eine (neben vielen anderen pragmatischen Lösungen im beginnenden Kalten Krieg) ideologische Hypotek der jungen BRD gewesen, und einer der vielen Gründe weshalb dieses Land zu kritisieren ist. Das was Meinhof im Text zuvor jedoch behauptet, ist die Mär von unschuldigen Deutschen und den schuldigen Oberen. Alá: Wir Deutschen wurden betrogen, wussten doch gar nicht was passiert, haben doch nichts gemacht! „Hitler war’s!“ Damit einher ging und geht die „Befreiung der Deutschen von ihrer Geschichte.“ Also schuldig in den Augen der Meinhof nicht der deutsche Verwaltungsbeamte im RSHA, sondern Hitler. Außerdem kommt sie zum Schluss, der Krieg sei doch schon längst entschieden gewesen:

Dresden ging in Schutt und Asche, zwei Jahre nachdem der Ausgang des Zweiten Weltkrieges in Stalingrad entschieden worden war.

Dresden ging in Schutt und Asche, weil die nationalsozialistische Ideologie mit Durchhalteparolen und der Mobilisierung der letzten Krüppel und Kinder für den Endsieg nicht aufgab, weil die Welteroberungsphantasien in Stalingrad nur gestoppt, aber nicht gebrochen wurden. Im dichotomische Weltbild der Meinhof gilt es die Täter (kleine PG’s sind damit sicher nicht gemeint) zu denunzieren, um was? – die Völker zu retten. Doch die Täter, die Agressoren sind letztendlich die Verteidiger, denn „der Verteidigungsfall entartet zwangsläufig in Aggression.“ Wow. Aber sie macht es wirklich konkret:

Als die deutsche Bevölkerung die Wahrheit über Auschwitz erfuhr, erfuhr die englische Bevölkerung die Wahrheit über Dresden.

Wie fahrlässig diese Gleichsetzung ist wird deutlich, wenn man überlegt, dass von den britischen Flugzeugbesatzungen knapp die Hälfte nicht mehr lebendig zurück kam, von den in KZ’s arbeitenden SS-Mannschaften kaum jemand für Führer-Volk-und Vaterland gefallen ist. Für Ulrike Meinhof ist aber Dresden (und nicht möglicherweise Auschwitz) der Beleg für „Nie wieder Krieg“, damit schließt sich der Kreis:

Die Lehre der Deutschen aus Auschwitz ist falsch. Denn diese lautet ja bekanntermaßen eben nicht: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Nationalsozialismus!“, sondern: „Nie wieder Krieg!“, und in ihrer Konsequenz: „Nie wieder Krieg gegen Faschismus!“. Die Katastrophe war für sie nicht die Ermordung ihrer jüdischen NachbarInnen, die sie durchführten, sondern die Umsiedlung der Deutschen („Vertreibung“); der Zivilisationsbruch nicht die rauchenden Schornsteine von Auschwitz, sondern die Bombardierung von Dresden. (aus: „Die Lehre„)

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2 Comments

  1. Der am Spanischen Bürgerkrieg teilgenommene George Orwell 1942: „Der Pazifismus ist objektiv profaschistisch. Das sagt einem der elementarste gesunde Menschenverstand. Wer die Kriegsanstrengungen der einen Seite behindert, hilft den Kriegsanstrengungen der anderen Seite.“


2 Trackbacks/Pingbacks

  1. By Dresden prepares « Im Kopf Lokalisation on 03 Feb 2013 at 9:29 am

    […] I 2013 hier; Dresden 2010; Dresden 2011, Dresden 2012, to be […]

  2. By Dresden calling? | Im Kopf Lokalisation on 12 Feb 2014 at 6:46 pm

    […] Keule schwingend – Dresden zu einem Mythos zu stilisieren. Die SED (oder auch Ulrike Meinhof) inszenierte (siehe hier), heute ist es nahezu gesellschaftlicher Konsens unter den gedenkenden […]

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