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neulich einen Film gesehen von Harun Farocki – „Wie man sieht“.

Das ist ein Pflug, wie eine Kanone – oder eine Kanone, die wie ein Pflug aussieht. Die Pflugschar ist nur dazu da, der Kanone einen festen Stand zu geben. Der Krieg begründet sich aus der Brotarbeit. (Harun Farocki) (quelle)

des weiteren äußerte er sich mal in einem Interview mit der Jungle World (Nr. 46/2000) über die Gattung Essayfilm, zu dem seine Filme im Allgemeinen gezählt werden:

Die Kategorie ist so untauglich, wie auch »Dokumentarfilm« nicht besonders tauglich ist, klar. Wenn im Fernsehen viel Musik gespielt wird, und man sieht Landschaften, dann nennt man das mittlerweile auch schon Essayfilm. Viel Stimmungsmäßiges und nicht eindeutig Journalistisches ist schon Essay. Das ist natürlich furchtbar. Das ist so vage, wie damals die Versuche in den fünfziger Jahren. Damals hat Enzensberger mal darüber geschrieben, dass der naturwissenschaftliche Begriff des Experiments überhaupt nicht taugt für den Kunstbetrieb. So ähnlich vage ist auch dieses Wort vom Essay geworden. Aber mir geht es immer noch darum, dass Erzählen und Erörtern zusammengehören, dass die Diskurse eine Erzählform sind. Der Zweite Weltkrieg ist nicht in einen Roman von einem neuen Tolstoj eingegangen, eher in die »Dialektik der Aufklärung« von Horkheimer und Adorno.

An späterer Stelle äußert er spannendes zur Revolte von 1968 und über einen Film von Holger Meins mit dem Titel „O.L.“:

Ich will 68 nicht schlecht machen, aber ich habe doch ziemlichen Katzenjammer. Ich habe mal gelesen, dass das Volk zu Beginn der Französischen Revolution rief: Es lebe der König! – und damit den Sturz der Monarchie ausdrücken wollte. So kommt es mir vor: Wir sagten etwas ganz anderes, als wir meinten, und heute macht es den Anschein, wir hätten das Richtige gewollt. Das ist ein wenig so wie mit meinem Film »Nicht löschbares Feuer«, dass ich gegen meine Absichten etwas erreichte. (Ich möchte natürlich lieber etwas mehr erreichen als gewollt, aber nicht etwas ganz anderes.) Wir glaubten oder postulierten das zumindest, dass es möglich ist, »Geschichte zu machen«. Deshalb verharmlosten wir das Nazitum, es war uns höchstens nützlich, den Kapitalismus anzuschwärzen, dessen »höchstes Stadium« es sein sollte. In dieser Weise waren wir unwillentlich unserer Elterngeneration ähnlich, die den Hitlerismus schnell hinter sich bringen wollte. […] Ja, 68 war ja wohl eine Kulturrevolution, die die Ethik der Vorkriegszeit überwand. Diese Ethik in vielfältiger Gestalt lässt sich wohl mit dem Wort austerity treffen: Sparsamkeit, Verzicht, Disziplin. Diese Lebenshaltung entsprach den Verhältnissen nicht mehr, und Pop sprengte das auf. Zum Nachdruck brauchte das etwas Blut: Straßenkämpfe, Flugzeugentführungen, Attentate. Man kann sagen: Blut für Pop. Und was Holger Meins betrifft: Sein Film »O.L.«, der bleibt ja nun irgendwie, und der ist überhaupt nicht in Beziehung zu setzen zu allem, was Holger Meins gemacht hat. Das einzige, was man sagen könnte, ist: Er sah, dass er wusste, wie das Filmemachen geht, und deshalb interessierte es ihn nicht mehr.

Wer sich den überaus sehenswerten Film „Wie man sieht“ (1986 70 min) von Harun Farocki in ganzer Länge anschauen möchte, der sei dazu ermuntert. Er ist zu finden bei google:

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