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Gedenken und Erinnern sind ebenso wie Vergessen und Verdrängen essentielle Bausteine einer Gemeinschaft, einer Gesellschaft, einer Nation. Auf die jüngste deutsche Vergangenheit gibt es verschiedene Perspektiven. Die Frage ob an die Täter oder Opfer erinnert wird beantwortet Aleida Assmann eindeutig – an die Opfer:

Während die Erinnerung der Opfer des Holocaust und an die Opfer des Holocaust inzwischen nicht nur in Denkmälern, Museen und Archiven, sondern auch in Büchern, Filmen und Videos gespeichert und so fest im kulturellen Gedächtnis verankert ist, gibt es nach wie vor kaum Erinnerungen aus der Perspektive der Täter und an an die Täter. Manch einer mag das sogar begrüßen, weil […] jede prominente Behandlung von Episoden aus der Tätergeschichte […] auch immer die Gefahr einer unerwünschten Monumentalisierung und Heroisierung der NS-Vergangenheit mit sich bringt. Andererseits stellt die Asymmetrie zwischen einer exuberanten Opfererinnerung und einer fehlenden Tätererinnerung auch eine Belastung dar, die erst jetzt nach sechzig Jahren Abstand zu den traumatischen Ereignissen immer stärker spürbar wird. (Aleida Assmann: Der Lange Schatten der Vergangenheit. S. 214)
Doch Aleida Assmann irrt: es gibt eine Erinnerung an die Täter: in der Opferrolle.
Im Jahre 1904 beschlossen einige ehemalige Soldaten der Gemeinde Grafentraubach einen Kriegerverein ins Leben zu rufen. Am 2. 11. 1904 war es soweit. In der Gastwirtschaft Maier wurde der Verein aus der Taufe gehoben. Die wichtigsten Grundgedanken der Vereinsgründung waren:  Der Verein soll:

A, zum Seelenheil der verstorbenen Mitglieder
B, zur Erinnerung an die Waffentaten der Lebenden
C, zum Muster und Beispiel für junge Soldaten wirken.

Die Mitglieder sollen beim Ableben eines Vereinsmitglied zahlreich am Begräbnis teilnehmen, wobei Trauermusik spielt wird.

Der 1. Weltkrieg forderte in Grafentraubach 44 Tote, die auf dem Kriegerdenkmal verewigt sind.
Im 2. Weltkrieg sind 77 Traubacher gefallen und 23 werden vermisst.
(quelle)

„Die Bereitschaft der Deutschen, sich mit der Opferrolle aus ihrer geschichtlichen Verantwortung zu stehlen, darf gewiss nicht unterschätzt werden. Man sollte dennoch nicht überall, wo von Leiden die Rede ist, automatisch auf eine Schuldverwmeidungs- oder gar -verweigerungsstrategie schließen. “ (Aleida Assmann: Der Lange Schatten der Vergangenheit. S. 201f)

Schon wieder scheint Assmann unrecht zu behalten. In Graefentraubach, einem kleinen Kaff in Bayern südlich von Regensburg, lässt sich das Gedenken an prominenter Stelle im Ort finden. Es ist ein Heldengenken – an die Soldaten des I. und II. Weltkrieges. Das Denkmal steht nicht nur zentral, es nimmt auch in der Kriegserinnerung eine zentrale Stellung ein. Des öfteren wird in militärischer Marschformation zur Heldenverehrung geschritten:

1.09.2004 [12-14 Uhr] Mit einem Fackelzug aller Kameraden und Ortsvereine zum Kriegerdenkmal zur Heldenehrung. (quelle)

KAB Grafentraubach e.V.  Samstag, 03.07.2010

18.00 Uhr Treffen der Vereinsmitglieder mit den örtlichen Fahnenabordnungen im Pfarrstad´l

18.30 Uhr Marsch zum Kriegerdenkmal

18.45 Uhr Kranzniederlegung für gefallene KAB-Mitglieder (quelle)

Ums auf den Punkt zu bringen: wie weit ist das Gedenken an gestorbene verglorifizierte Soldatenhelden aus dem Ort (nicht nur in Graefentraubach sondern quer durch das gesamte deutsche Land – siehe die Fotosammlung von Aergernis rund um Weimar) deckungsgleich mit der Forderung von Neonazis:

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3 Comments

  1. Vielleicht versuche ich mich einfach Mal als Muse (für einen nächsten Beitrag)_

    Deutschland 2010 – ein Land gänzlich OHNE Helden?

  2. du kommst zu spät: der Bundespräsident war schon mit der nächsten Generation auf Heldensuche… http://bit.ly/aJzecA & dieses Jahr wirds nicht mehr klappen. nächstes auch nicht. vermutlich nie, weil Helden ja auch eine ganz sinnvolle Funktion erfüllen – die Frage ist halt nur obs der in Stein gehauene Soldat sein muss unter dem „Held“ steht. eigentlich eher nicht…


One Trackback/Pingback

  1. […] Weltkrieg nach einem anderen Konzept verlief: man verstand sich selbst als Opfer (siehe auch Heldengedenken in Grafentraubach). Überaus hörenswertes dazu von Dieter Langewiesche (Historiker mit Fokus auf Nationen & […]

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