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Wohl kaum wurde soviel über eine Epoche geschrieben und geredet wie über das sogenannte III. Reich. Ein Film der versucht das Unbegreifliche der kategorisierten Menschenvernichtung greifbar zu machen ist ein Film von Alain Resnais mit dem Titel „Nacht und Nebel“ der im Jahr 1955 entstand. Paul Celan war für die deutsche Bearbeitung verantwortlich.

(Bild: bearbeiteter Screenshot)

Der Film wirft mehr Fragen auf als Antworten zu geben. Er versteht sich als hilfloser Versuch eines Chronisten eines nicht verstummenden Schreis der nicht mehr gehört wird, der in Geschichtsbücher und Denkmäler verbannt ist. Es handelt sich um einen Schrei, der selbst dann nicht gehört wird, wenn Augen und Ohren die Reste des Lagers Auschwitz von innen gesehen und Zeitzeugengespräche mit Überlebenden geführt haben. Der Film wirft die Frage auf nach den Gesichtern und Menschen von damals & heute, die  unter uns leb(t)en und am Unbegreiflichen mitgewirkt haben. Er stellt die Frage nach unserer Rolle (sowohl den Umgang mit dem Unbegreiflichen heute betreffend als auch unserer Rolle heute). Und der Film zeigte nach seiner Aufführung Wirkung: es folgten diplomatische Verwicklungen zwischen der BRD und Frankreich als der Film in Cannes gezeigt werden sollte – er wurde schließlich auf deutschen Druck aus dem Festival Programm gestrichen. „Man habe im Prinzip nichts gegen die filmische Darstellung von NS-Verbrechen einzuwenden; aber die Festspiele von Cannes sollten zur Freundschaft zwischen den Völkern beitragen und seien daher nicht das geeignete Forum für einen solchen Film. Dieser werde die Atmosphäre zwischen Franzosen und Deutschen vergiften und dem Ansehen der Bundesrepublik schaden.“ Soweit so gut. Dann kam jedoch die alles entscheidende Begründung, die Begründung der Läuterung:

Gewöhnliche Zuschauer seien nicht fähig, zwischen den verbrecherischen Führern des NS-Regimes und dem heutigen Deutschland zu unterscheiden.

Es bedarf also angeblich einigen Intellekts um festzustellen, dass das Deutschland des Jahres 1956 nicht dem des Jahres 1945 glich? Stellt sich die Frage: Wie kommt es, dass eine solche Leistung nötig war/ist? Vielleicht liegt es an folgendem: 1957 schrieb eine Soldatenzeitung dass

Der deutsche Soldat des letzten Krieges…, der für den Bestand und für die Ehre seines Vaterlandes oft bis zur Selbstaufopferung seine Pflicht erfüllte, hat mit den Akteuren unentschuldbarer Exzesse nichts gemein.“

Das Mär der unschuldigen Deutschen (Soldaten), von dem auch heute viel zu hören ist. Hannes Heer hat dazu nen Buch rausgegeben was zur Aussage: „Ich wars nicht, Hitler ist’s gewesen“ passen würde, nämlich Hitler war’s. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit (2005).

Letztendlich wurde der Film „Nacht und Nebel“ (um den es hier anfänglich ging) dann außerhalb des regulären Cannes-Programms gezeigt. Am 4. Juli 1956 schrieb der Kölner Stadt-Anzeiger zu den von seinem Korrespondenten beobachteten Publikumsreaktionen, darunter vielen ehemaligen KZ-Häftlingen:

Wenn irgendwo, so hätte es hier zu einer antideutschen Demonstration kommen müssen. Man hätte es sogar kaum übelnehmen können. Aber nichts dergleichen geschah. Die französischen Besucher machten nicht den Fehler, den ihnen die Bundesrepublik Deutschland eigentlich empfohlen hatte, als sie durch den Protest die Darstellung der Greueltaten des Dritten Reiches als aktuellen Vorwurf gegen Deutschland überhaupt betrachtete. (Quelle & mehr über den Film)

Einmal kurz das Geschriebene durchdacht: es gab keine antideutsche Reaktion auf den Film (obwohl diese als Reaktion erwartet & sogar als legitim eingeschätzt werden) weil die französischen Besucher nicht das taten, was von ihnen erwartet wurde. Die Absicht diesen Films in Frankreich sehen zu wollen war nicht dasselbe wie die Anschuldigung der Gleichheit von BRD mit dem III. Reich – das jedoch hatten die politischen Oberen so gesehen. Dies zeigt nur zu gut die Paranoia der jungen BRD alles aus der Welt schaffen zu wollen was an die unrühmliche Vergangenheit erinnerte. Erst der Eichmannprozess in Jerusalem und die Auschwitzprozesse in Frankfurt waren knapp 20  Jahre nach der militärischen Niederlage der deutschen Truppen 1945 erste gesellschaftlich breit diskutierte Ereignisse über das, was während der Kriegsjahre passiert war.

Was kaum bekannt ist: der durch seine Thriller bekannte Regisseur Alfred Hitchcock wirkte im Jahr 1945 an einem Film für das britische Militär mit, der seine übrigen Filme an Horror übertroffen haben dürfte: es handelte sich um die ersten Aufnahmen in den befreiten Konzentrationslagern in Deutschland.

Hitchcocks Idee waren zum Beispiel die totalen, weiten Aufnahmen der Lager, die die dokumentarische Kraft des Films verstärkten. Der Grund damals: niemand sollte behaupten können, es handele sich um inszenierte, gestellte Bilder – es sollte ganz deutlich sein, dass die Konzentrationslager wirklich existiert hatten. (Quelle)

Bezeichnenderweise ist davon im deutschsprachigen Wikipediaeintrag über den Regisseur Hitchcock nichts zu finden (außer in der Filmografie), in der englischsprachigen Wikpedia findet sich immerhin der Verweis:

In 1945, Hitchcock served as „treatment advisor“ (in effect, a film editor) for a Holocaust documentary produced by the British Army. The film, which recorded the liberation of Nazi Concentration Camps, remained unreleased until 1985, when it was completed by PBS Frontline and distributed under the title Memory of the Camps. (Quelle)

Wer den erst fünf Jahre nach dem Tod des Regisseurs und knapp 50 Jahre nach (begonnener) Produktion erstmals aufgeführten Film sehen sehen möchte sei auf eben jenen verwiesen: Alfred Hitchcock documentary on the Nazi Holocaust (53 Min.; GB 1945/1985)

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